Brasao da familia Wermelinger, 1575
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Arquivo Wermelinger

Genealogia da familia Wermelinger — de Wolhusen ao Brasil

Schweizer Auswanderung nach Brasilien 1819 (Weibel-Knupp, 2015)

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Zeitschrift: Familienforschung Schweiz : Jahrbuch = Généalogie suisse : annuaire = Genealogia svizzera : annuario Herausgeber: Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung Band: 42 (2015) Artikel: Schweizer Auswanderung nach Brasilien 1819 Autor: Weibel-Knupp, Anita DOI: https://doi.org/10.5169/seals-697750 Nutzungsbedingungen Die ETH-Bibliothek ist die Anbieterin der digitalisierten Zeitschriften auf E-Periodica. Sie besitzt keine Urheberrechte an den Zeitschriften und ist nicht verantwortlich für deren Inhalte. Die Rechte liegen in der Regel bei den Herausgebern beziehungsweise den externen Rechteinhabern. Das Veröffentlichen von Bildern in Print- und Online-Publikationen sowie auf Social Media-Kanälen oder Webseiten ist nur mit vorheriger Genehmigung der Rechteinhaber erlaubt.Mehr erfahren Conditions d'utilisation L'ETH Library est le fournisseur des revues numérisées. Elle ne détient aucun droit d'auteur sur les revues et n'est pas responsable de leur contenu. 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La chronique de lafamille Knupp deposee dans dif- ferentes bibliotheques ou archives cantonales accompagnera l'arbre genealo- gique. Zusammenfassung Aus der 600-jährigen Geschichte der Familie Knupp, lässt sich eine ganze Menge berichten. Wir wollen uns hier auf die Schweizer Auswanderung von 1819 konzentrieren. Wir begeben uns auf die Spuren der Brüder Joanes und Josephus Knupp und erfahren, wie sie in Brasilien eine neue Heimat gefunden haben und wie die Reise auf dem Schiff verlaufen ist. Dass die Familienforscherin die Vorfahren aus Nova Friburgo gefunden hat und mit Prof. Dr. Jorge Knupp und seiner Sippe eine beglückende Begegnung gemacht hat, freut sie ganz besonders. Die Autorin hat einiges durch Berichte von Rückwanderer erfahren und so die Rückverfolgung der Geschichte der Auswanderer bis zum Ursprung in die Schweiz verfolgt. Die Familien-Chronik Knupp welche in verschiedenen Kantonsbibliotheken und Staatsarchiven hinterlegt ist, soll den Stammbaum begleiten. SGFFJahrbuch 2015 223 Die Auslandschweizer, drei Knupp-Männer, kamen zurück ihren Wurzeln zu Endlich hat es geklappt! Prof. Dr. Jorge Knupp ist mit seinen beiden Söhnen in die Schweiz gereist. Das war ihre erste Europareise. Sie freuten sich riesig auf die Spurensuche nach ihren Ahnen, der Knupp in der Schweiz, und darauf, ihre Bekanntschaft machen zu dürfen. Am Dienstag, dem 2. Oktober 2010 kamen Jorge Knupp (Cousin 5. Grades) mit seinen beiden Söhnen Erick und Christian auf dem Flughafen Zürich an. Was lange währt wird endlich gut! Mein Mann und ich zeigten den drei Brasilianern die schöne Schweiz. Endlich konnten sie ihre Familiengeschichte kennen lernen. Sie blieben bei uns in Windisch bis zum 30. Oktober. Am Samstag, den 6. Oktober 2010, wurde Jorge Knupp mit seinen beiden Söhnen Erick und Christian vom Gemeindepräsidenten Ruedi Lingg, Hans Koller und Fredy Zettel „Museumdietu" in Grossdietwil (Bürgerort seines Ahnen Joa- nes Knupp), herzlich empfangen und gebührend geehrt. Die drei Knupp-Brasilianer waren sichtlich überwältigt vom netten Empfang. Abb. 1: (von links nach rechts) Ruedi Lingg, Fredy Zettel, Jorge Knupp, Anita Weibel- Knupp, Christian und Erick Knupp, Hans Koller 224 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Drei Brasilianer kamen ans Knupp-Treffen Am Samstag, dem 16. Oktober 2010, trafen sich 90 Personen im Schloss- Wyher in Ettiswil zum Knupp-Treffen mit Verwandten aus Brasilien, und zur Buchlesung aus der Knupp-Chronik mit der Ahnenforscherin und Autorin Anita Weibel-Knupp. Im Jahre 2000 hat sich bei ihr nach zweijährigem Suchen Jorge Knupp gemeldet, ein Nachfahre von Joanes Knupp von Grossdietwil, der 1819 mit seinem Bruder Josephus Knupp und deren Familien (17 Personen) nach Brasilien ausgewandert ist. Jorge Knupp und seine beiden Sohne sind nun zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und wir möchten ihnen die vielen Eindrucke mit nach Nova Friburgo geben. Die Schweizer Tragödie in Nova Friburgo Kaum waren die drei Brasilianer wieder zuhause in Nova Friburgo kam am 11.1.2011 die schreckliche Naturkatastrophe. Die Stadt, die unsere Vorfahren im Jahr 1820 aufgebaut haben, wurde zerstört. Am 11. und 12. Januar 2011 hatten massive Regenfalle, über 24 Stunden lang, zu Überflutungen und Erdrutschen in der Region rund 100 Kilometer nördlich der Millionenmetropole Rio de Janeiro gefuhrt; viele Menschen ertranken oder wurden von Schlamm- und Gerollmassen verschüttet. Es wurde von der „schlimmsten Naturkatastrophe in der Geschichte Brasiliens" gesprochen. Schwer getroffen wurde im Flinterland Nova Friburgo. In der Stadt, die 1820 von unseren Schweizer Auswanderern gegründet wurde, kamen bis zu 424 Menschen ums Leben. Häuser stürzten unter dem Druck meterhoher Schlammfluten ein, Autos und Lastwagen wurden fortgespult. Ganze Wohnviertel wurden weggespult. 2000 Obdachlose und 3000 Personen, deren Häuser zwar noch stehen, die aber nicht mehr dahin zurückkehren konnten, schilderte Pinheiro, Direktor der Casa Suiga (des Schweizerhauses). Tausende Überlebende fanden in Notaufnahmen Unterschlupf. Kirchen und Polizeiwachen wurden zu Leichenhäusern umfunktioniert. Davor spielten sich dramatische Szenen ab, wahrend Angehörige nach Vermissten suchten. Präsidentin Dilma Rousseff flog mit dem Helikopter über das Gebiet, sie konnte jedoch nicht landen. Sie zeigte sich schockiert und versprach „starke Massnahmen" der Regierung. Ich habe sofort versucht, mit Jorge Knupp Kontakt aufzunehmen. E-Mail und Telefon nach Nova Friburgo funktionierten nicht. So schrieb ich nach Rio an seinen Sohn Erick, der im Spital arbeitete. Erick antwortete mir am 13. Januar: Er habe von seinem Vater, der in Nova Friburgo war, über den Spitalfunk ein Lebenszeichen erhalten. Erick war überglücklich, dass sein Vater lebte und Anita Weibel-Knupp 225 wohlauf war. Die Strassen seien versperrt mit Schutt und Baumen. Julio Knupp der Bruder von Jorge Knupp und Onkel von Erick sei nicht auffindbar, sie seien aber guter Hoffnung ihn zu finden, was nach vier Tagen dann auch geschah. Als dann endlich nach sechs Tagen Jorge Knupp mit einem Helikopter Nova Friburgo verlassen konnte, wurde die Stadt von einem weiteren Erdrutsch überrascht. Die Behörden befürchteten deshalb einen weiteren Anstieg der Opferzahlen. Casa Sui^a, die von der schweizerischen Association Fribourg - Nova Friburgo (AFNF) aufgebaut wurde, sei nicht betroffen. Mit andern Worten: „Das Haus steht noch". Der Verein pflegt freundschaftliche Beziehungen zwischen der Schweiz und der brasilianischen Stadt und will an ihre Schweizer Wurzeln erinnern. Der Freiburger Verein startete eine Sammelaktion für die Opfer. Die Stadtregierung Freiburg hat entschieden, die Hilfsaktion des Vereins Freiburg - Nova Friburgo mit 30'000 Franken zu unterstützen. Die finanzielle Hilfe, die von der Schweiz geleistet wurde, war fur die brasilianische Schwestergegend sehr wertvoll und wurde für das Behindertenheim der Stiftung AFAPE bestimmt. Die Gründung dieses Heimes im Jahr 1996 wurde von der Vereinigung Fribourg - Nova Friburgo finanziert. Seit dem Erdrutsch sind die Räumlichkeiten unbrauchbar. „Die Behinderten wurden in einem provisorischen Ort aufgenommen", erklärt Raphael Fessler, Präsident der Vereinigung. Es wurde ein Konto eingerichtet, denn die Wiederaufbauarbeiten, der Stadt Nova Friburgo sind kolossal. Ich hatte telefonischen Kontakt mit Frau Eliane Kiener DEZA KIE CH- - Köniz/Bern. Sie hat sich bei mir über die Knupp-Chronik und die Schweizer Auswanderer von 1819, heute in Nova Friburgo, informiert. Vom 18. bis 20. Januar hat sie mich per E-Mail sowie den Generalkonsul aus Rio de Janeiro kontaktiert. Es seien drei Schweizer Experten in Nova Friburgo und beurteilen mit dem Generalkonsulat von Rio die Lage. Frau Kiener erkundigte sich nach den Adressen der Leute in Nova Friburgo. Danach schrieb sie mir einen Dankesbrief: Mit bestem Dank für diese nützlichen Informationen, welche die Arbeit unseres Teams vor Ort massiv erleichterte. Ich habe die Angaben an unseren Generalkonsul Hans-Ulrich Tanner in Rio de Janeiro sowie an den Leader des Einsatzteams weitergeleitet. Als Dankeschön wurden am 23. Februar 2011, Jorge Knupp mit seiner Ehefrau Maria Jose, zum Nachtessen beim Generalkonsul in Rio de Janeiro eingeladen. Schön, dass der Kontakt stattgefunden hat und dass der Konsul, Herr Tanner, mit seinem Einsatzteam in Nova Friburgo war. 226 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 ^"feüdeste ^Congonhas itöria BR < ^.^ \i « _ jd r e 5 t , R Jo e ä i o j'Lelij \ * ^/A/ilha W.381,. O ß^ H ß 4 r > bracenä*^ * U s Muriae "^o^^pirn6''13 ,--qe Ö ' C^ctioeiro «9, Itaremirim ' * Mina"s:;'i>^juiz^ -A Bio ae Janeiroy * ' '"dkmpos Vol'ä -M°rr lbr_(K\\ oOouuUSssOoo ;V ^ V Nova ^ W\S> ^'Cabo de ^re[li^Y& Afj oFrib^0 %%öa *$/! Mäiisa ßetröpolis^;'^ ' s Reis Rio de arati Janeiro DER SUDOSTEN 200 km J Abb. 2: Die Stadt Nova Friburgo Die Auslandschweizer der Familie Knupp Vorwort Es ist gut, wenn man von seinen Vorfahren die wichtigsten Lebensdaten für die Ahnentafeln kennt. Erfreulich ist es, wenn überlieferte Geschichten, Dokumente und Kulturgüter die Betrachtungsweise um eine weitere Dimension ergänzen. Einen besonderen Glücksfall aber stellt es dar, wenn die Begebenheit in ein allgemeines geschichtliches Geschehen eingebettet werden kann und sich gleichsam zu einer Vervollkommnung der Familienforschung erweitert. Damit wird Familiengeschichte über die Familie hinaus für die Nachkommen interessant. Ein solcher Glücksfall wurde mir mit dem Fund unserer Auswanderer und deren Nachfahren aus Brasilien zuteil. Der karge Boden zwang manche Familie auszuwandern, um ihr Brot in der Fremde zu verdienen. Aus Briefen vernehmen wir, wie sie sich als Söldner in fremden Diensten, als Angestellte oder als Auswanderer unter harten durchgeschlagen haben. Bedingungen Die Wissenschaft schenkte dem Auslandschweizertum stets besondere Beachtung. hauptsächlich war es das 20. Jahrhundert, das eine Fülle an geografi- schen, geschichtlichen, staatspolitischen, sprachwissenschaftlichen und volks- Anita Weibel-Knupp 227 kundlichen Untersuchungen entstehen liess. Was aber immer noch fehlt, ist die Einbeziehung der Familienforschung in die auslandschweizerische Forschung, die genealogische Erfassung des gesamten Auslandschweizertums mit der Kenntnis der Flerkunft und der sozialen Schichtung unserer Auswanderer. Die Familienkunde allein vermag hier den Blick vom Allgemeinen zum Besonderen zuruckzulenken und so den schon langst Verlorenen mit der Stammfami- lie und der Fleimat zu verbinden. Die Sippenpflege ist zwar unter den Auswanderern so alt wie ihre Wanderungen selbst. Ganz jung hingegen ist unter ihnen die Sippen- und Familienforschung. Was hier vorhanden ist, sind mit wenigen Ausnahmen allererste Anfange. Die Auswanderung aus alteidgenossischem Gebiet begann in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die zweite grosse schweizerische Massenauswanderung erfolgte infolge der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage der Bauernschaft, die in den Nachkriegsjahren des Dreissigjahrigen Krieges in Not geraten war Ihr Ziel war die Mark Brandenburg. Diese grosse Wanderungswelle von Schweizern in die Mark erreichte um 1690/93 ihren Höhepunkt und hielt sich mit einzelnen Zugangen bis gegen 1740. Im Jahre 1710 wanderten gegen 5000 Schweizer, vor allem Berner, nach Nordamerika aus. 1735 wurde die erste schweizerische Kolonie „New Bern" gegründet. Die Unbekannten Mit Anfang des 19 Jahrhunderts begann der Strom der schweizerischen Auswanderung nach Amerika erneut starker und regelmassiger zu fliessen Neben Nordamerika, das sich als Auswanderungsziel spater in keiner Weise geändert hat, tritt nun auch noch Brasilien auf den Plan. Die familiengeschicht- lichen Quellen dieser Kolonie wurden von mir ausfindig gemacht und bearbeitet. Es befanden sich nämlich unter den 1819 nach Brasilien ausgewanderten Schweizern unsere Vorfahren Joanes und Josephus Knupp mit ihren Familien. Mein Wunsch war, dass die familienkundliche Erfassung der Auslandschweizer Knupp in meiner Ahnenforschung mitberucksichtigt wird. Ich wusste, ich konnte dieser Aufgabe nur gerecht werden, wenn ich die Familiengeschichte in ihrer ethischen Bedeutung besser kennen lernen wurde. Ich musste also die Auswanderer suchen und versuchen, sie mehr und allgemeiner als bisher zu pflegen, um mit den Nachkommen dieser Auswanderer in Fühlung zu kommen. Es war mir bewusst, die zur Erreichung dieses Ziels viel Arbeit zu leisten sein wurde. Zuerst erkundigte ich mich mittels Kirchenbuchern, Einwanderungslisten, Einwohnerverzeichnissen von ausländischen Gemeinden, Tagebuchern und Protokollen usw. Notig wurde auch der mündliche und schriftliche Austausch mit Historikern und Genealogen, die sich fur die auslandschweizerische Familienforschung interessieren Es gab Anfragen bei Auskunftsstellen über die ausgewanderten Schweizer, speziell über die Nachfahren Knupp, und nach der 228 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Rückverfolgung ihrer Abstammung und der Geschichte bis zu ihrem Ursprung in der Schweiz. Eine grosse Hilfe bei der Kontaktvermittlung war Walter Wer- melinger, der mit seiner brasilianischen Ehefrau in Brasilien lebt. Ich staunte nicht schlecht, als sich im Januar 2000, nach zweijähriger Suche, ein Jorge Knupp aus Brasilien, ein Nachfahre von Ahnen die vor fast 200 Jahren ausgewandert waren, bei mir meldete. Die Freude war riesig! Was lange währt wird endlich gut! Unseren Kontakt haben wir anfänglich durch brieflichen Austausch und später via Internet und Telefon geführt. Jorge Knupp hat mich zum ersten Mal am 3. Mai 2003, telefonisch kontaktiert. Ich war sehr erstaunt, wie gut er in dieser kurzen Zeit die deutsche Sprache gelernt hat und beherrscht. Für mich ist dies von grosser Bedeutung, ja ein Glücksfall, dass ich auf einen Ahnen in Brasilien stiess, der gewillt war, unsere Sprache zu lernen. Am 2. April 2003 hat sich per E-Mail ein Alberto Lima Abib Wermelinger aus Brasilien gemeldet. Er sei ein Nachkomme der Auswandererfamilie Wermelinger von 1819. Seine Verwandtschaft sei: Wermelinger-Egglin aus Willisau, Gebrüder Stutz aus Alberswil, Borer-Wehrli aus Grindeiwald, Monnerat-Koller aus dem Kt. Fribourg und Jura sowie Achermann, Schaller, Kronenberg aus Luzern. Abb. 4: Grosseltern, Mutter, Tanten und Onkel von Abb. 5: Telefonkabinen prägen Prof. Dr. Jorge Luiz Knupp (verheiratet mit Maria das Strassenbild von Nova Fri- Jose Santana Cerqueira). Foto um 1923/25 von burgo: Die öffentlichen Telefone Jorge Knupp werden auch „Grossohren"genannt Anita Weibel-Knupp 229 Auswanderung Antonius [o L s e e o p d h e u g s ar ( i J u o s s « e - p L h a ) nd K a n rb u e p i . ter»,Zell (10.7 1819 - 15.12.1819) Knupp *1891766,GD 1991766,GD von Grossdietwil nach Brasilien, +3.61820,NovaFriburgo Stadt NovaFriburgo, p LeodegariusOtzenberger+ MariaAgathaSteiner Staat Rio deJaneiro goChristinaMariaGattina * 1331779,Grossdietwil 1071819von GrossdietwilnachBrasilien mit7Kindern (1 KindistaufdemSchiff verstorben) sieheTafel7c/d ZweigBrasilien * Jo 12 se 7 N 1 o 9 e 05 K , n — up N p F Mar K ia n E u u p g p enia Yolan * da N K N n . upp od 1927 *NN.,-NF,tNN -NF 131081980 odManoelAdelino 1361920 GuiomarPhilot Berbert * 175 1900 t 198 1978 sieheThfel7b ZweigBrasilien sieheUafel7b ZweigBrasilien JorgeLuizKnupp NilmaKnupp C * h 1 ir 4 ur 1 g 1 1 Z 9 a 5 h 1 n , a N rz F t Jülio * C 26 ez 5 ar 1 K 94 n 6 upp * w 6 o 1 h 1 nt 1 e 9 m 4 i 4 t Lehrer,Journalist PiofDr ander DionisioSilva Universität +892006 cd28121975 anDiabetes,nach MariaJose «Beinamputation» SantanaCerqueira sep 992006 * 1431951 NovaFriburgo ErickKnupp ChristianKnupp * 12111985 *178.1987 Quelle DieDatenstammenausdenPfarrbuchernGDoder NovaFriburgo NovaFriburgo vonProf DrJorgeLuizKnupp-Cerqueira,NovaFriburgo,Brasilien «Student» «Student» Abb. 3: Tafel 7a 230 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 EigenesLand Zweig: loaned(johan)BaptistaKnup aufNo 82 Co-Land Grossdietwil «Küfer» */-3031769 GD BezirkCanta-Gallo Brasilien p IeodegariusOt/enbeiger+ Nova Friburgo \naMariaBuochcr t2971853NovaFriburgo ooMagdalena(Madelame) Biochn foster * I91778,Grossdietwil 12 11826NovaFuburgo SardinischenDiensten (Desciteui) X x X JohannKnup AnnaMariaKnup AnaMariaKnup CatharinaKnup \nnaKnup JohannBlasius -2 * 5 24 10 10 18 1 0 8 8 0 , 8 GD */ + — 33 23 18 1 1 8 1 11 GD GD -2 *1 31 3 8 1 1 8 2 1 , 2 GD -6 * 4 441 18 8 1 1 4, 4 GD -2 * 1 1 1 18 1 1 8 7 1 , 7 GD */—3 K 2 nu 1 p 819 GD oo58 1833 od2061839 NI OD2101854 CatharineKilther JosephMaifurt NovaFriburgo NovaFriburgo *um1816 Anton(Antonio) «bleibtSchwei/er» inFischbach Zehndei fil vMelchior4- LouisaMarfurt FB JoseKnuppMarfurt *165 1845 — Lo 2 * r 9 e 2 n 7 6 zo 4 1 1 K 8 8 n 5 5 u 5 5 , pp NF [Q o * S o 6 1 M j 9 a a n 9 r u ia 1 a 8 r R i 4 o o 5 B s , a & N l r m o F a pp J o o d äo M * a fc 1 r s i 2 a te 1 v F ä 0 r o a 1 n 8 K c 4 i n s 3 u ca pp Ma * ria 28 - Jo N 1 s 2 e F K 18 n 4 u 1 pp Mar * ia 2 - l 4 o N s 6 e F 1 K 8 n 37 upp N M o * a v r a 1 ia F 1 K ri 1 n b 8 u u 3 r p 6 g p o Ca N t o h * v a a 8 ri 8 n F a ri 1 b K 8 u 3 n r 4 g u o pp M M p i i r n L ia o a u S T re il h v n e e g n r o e n H / a i e K r K d n n v u u p + p p p «istB T r a a r s d il i i n aner» -1 * 6 A 2 8 m 6 1 e 1 l 8 i 8 a 8 82 2 * - 9 4 J 6 u 8 li 1 1 a 8 88 8 4 4 - * 2 F 1 r 1 a 9 n 9 6 c 1 is 8 1 c 8 8 a 8 6 6 talsKleinkind' o J o oä 1 o 8 B 8 oh 18 re 6 r 2 ooJo M se ar L fu u r c t iano *2741855-2961855 pJoselucuno p Antonio p Francisco p PedroHtrdy4- Marfurt+ FrinciscoKnupp+ losePinheiro4 MargandaSchumacher CaiarinaKnupp ElizabethTardin MariaKnupp JQ&ftUXKnupp PedroFrancisco JosehugemoKnupp MariaKnupp 25 t « 3 L 1 a 1 1 n 8 2 d 8 w 1 4 i 9 , rt 4 N » 2 F * - 30 Kn 1 u 2 p 1 p 882 gdD1/abelMarmho[ - * 1 1 4 6 1 2 1 1 8 8 8 8 1 1 — * No 21 va 5 F 1 ri 8 b 7 u 9 rgo L - * e 2 n 2 1 it 6 a 8 9 K 1 n 8 1 u 8 8 p 8 6 6 p Mari O a D F 2 i 8 oi 8 en 1 c 9 i 0 S 4 mgy pJoäo 1 P 3 e 3 dr 1 o 88 la 3 rdin p 4 A - n M to a n r io ia F K ra n n u c p i p sco p C J a o ro äo lin B a o B h o re h r re 4 r - Muttern Ptrdim(MS) +Marialardin od!Sanina +1211968 oolmit NN LvdiaKnupp JoseKnupp PedroKnupp Leopoldina Na/ariojuvencio ManuelKnupp Sebastiäo *2291916 NF *NN *NN Knupp Knupp *NN Knupp t1 31986 -FN —FN *NN *NN —NF *NN ooJoseßusquet Cerqueira «Zahnarzt» fil v PortugieseJölQ PedroKnupp FinnaKnupp JoseKnupp RosaKnupp VitaKnupp Jo * s 2 e 7 Ce 9 r 1 q 9 u 0 e 4 ira *NN NN *NN *NN *NN +24 1980 —NF -NF -NF -NF -NF JoseEliasKnupp tmmanoelJeremias * 15 11 1939 Knupp «Advokat» * 1511 1939 cd102 1968 «Verkaufer» MariaMiceCler cdMariaJose MarfurtBraga daSilva +1998 Leonardo Uexander ErikadeFatima FernandaVtaileska Knupp Knupp Knupp * 1531969 * 14 1974 *2361980 * geboren -NF -NF ~ gelaufl covSoraya p Pite/Taufzcugc i cd Ilcirjt GuilhermeCerqueira LucasCerqueira ThamaraRayane t verstorben * 15101999 *92 1995 Knupp sep begraben -NF -NF (*) 1281994 NN NameA>Jtumunbekannt Nb NovaFnburgo Anita Weibel-Knupp 231 Jorge Knupp wurde am 14.11.1951, als jüngstes Kind von Lydia Knupp und dem Zahnarzt Jose Busquet Cerqueira geboren Er ist chirurgischer Zahnarzt und hat seine Zahnarztpraxis von seinem Vater übernommen Gleichzeitig unterrichtet er als Professor an der Universität in Nova Friburgo. Zuerst aber war er Biologie- und Chemielehrer sowie Radiosprecher beim Radio Nova Friburgo. Seme Mutter Lydia ist am 22. 9. 1916 in Nova Friburgo geboren und am 1.3.1986 gestorben. Sie wuchs mit einem Bruder Jose Noe Knupp, geboren am 12.7.1905, sowie zwei Schwestern Maria Eugenia und Yolanda auf. Alle Geschwister der Mutter sind langst verstorben Sein Vater, ein Zahnarzt, geboren am 27.9 1904, starb am 2.4.1980. Mit seinen Eltern und sieben Geschwistern erlebte er seine Jugendzeit. Seine Geschwister sind ebenfalls alle gestorben. Am 28.12.1975 heiratete Jorge Knupp Maria Jose Santana Cerqueira und am 12. 11. 1985 kam ihr Stammhalter Erick zur Welt. Es folgte am 17.8.1987 ein zweiter Sohn; beide Sohne studierten am Gymnasium „An- chieta". Christian hat sich fur den Beruf „Schauspieler" entschieden, er hat eine kraftige Opernstimme und Erick übt den Beruf Grafiker aus. Jorge Knupp hat drei Bruder und eine Schwester. Jose Elias und Emmanoel Jeremias sind Zwillingsbruder, geboren am 15.11 1939 Emmanoel ist Verkaufer und war verheiratet mit Maria Jose da Silva. Im Jahre 1998 verstarb Maria Jose leider allzu früh Die Eheleute blieben kinderlos. Jose Elias ist Advokat und arbeitet in der Stadt Niteroi. Niteroi ist 120 km von Nova Friburgo entfernt. Am 10.2.1968 schloss er mit Maria Alice Cler Marfurt Braga den Bund furs Leben Die Vorfahren der Marfurts sind ebenfalls 1819 von Fischbach (Nachbarsdorf von Grossdietwil) nach Brasilien ausgewandert. Am 15 Marz 1969 durften sie sich über die Geburt des Stammhalters Leonardo Alexander freuen. Aus dieser Ehe entsprossen noch zwei Madchen Sein Bruder Julio Cezar, geboren am 26.5.1946, ein Junggeselle, arbeitet als Lehrer und Journalist. Die Schwester Nilma, geboren am 6.11.1944, lebte mit dem Lebenspartner Dionisio Silva zusammen. Die Bruder Knupp mussten viel zu früh von ihrer Schwester Nilma Abschied nehmen. Nilma Knupp, eine lang- jahrige Diabetikerin, ist nach einer Beinamputation am 8 9.2006 in Nova Friburgo verstorben. Jorge Knupp hat mir die Stadt Nova Friburgo so beschrieben Am 16 Mai 1818 (Jahrestag) wurde Nova Friburgo gegründet. Zwischen 4 Nov. 1819 und 8. Februar 1820 erreichten die Schweizer (unsere Vorfahren am 15.12.1819) Brasilien Nova Friburgo ist eine durchschnittliche Provinzstadt, eine sehr schone Stadt, früher war sie ruhig und klein (1950, 29'258 Einw.). Fleute ist es immer noch friedlich, aber eher unruhig durch den Verkehr in der inzwischen grossen Stadt. Die Stadt hat 180'000 Einwohner (im Jahr 2000) und liegt 135 km von Rio de Janeiro entfernt Fur die Fahrt mit dem Bus oder Auto von Rio de Janeiro auf das 850 Meter u. M. gelegene Nova Friburgo, kurz «Nova» ge- 232 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 nannt, braucht man zwei Stunden. Dabei muss man einen rund 1000 Meter hohen Pass uberwinden. Der Weg fuhrt durch bewaldete Hügel mit tropischen Gewachsen und schroffen Felsen mit steilen Kurven. Die Stadt ist in einer Talsenke angesiedelt und die Quartiere stehen zum Teil auf steilem Gebiet Im Centro von Nova Friburgo haben viele Wirte ihrem Restaurant/Hotel einen Schweizer Namen gegeben und verwohnen die Gaste gerne mit einem Fondue. Man findet in «Nova» auch eine Kaserei-Schule und ein Schokoladenhaus. So erfahrt man auch, wie in der Schweiz die Schokolade und der Kase (Fondue) hergestellt wird Es gibt auch ein «Willisau Center» (Cafe, Mobeigeschaft, Coif- feur-Laden und Restaurant) und eine Casa Suiga (Schweizer Haus), ein Museum, das die Geschichte von Nova Friburgo zeigt. Es ist ein langes, weisses Gebäude und wurde 1996 eröffnet. Es muss ein Erlebnis sein das Museum zu besichtigen Auf einer hohen Stele stehen alle Namen der Familien, die damals 1819 das Abenteuer gewagt haben. Daneben ist die «Kammer» rekonstruiert, in der die Auswanderer ihre letzte Nacht in der Heimat verbracht hatten Des Weiteren sind Objekte ausgestellt, wie sie die Emigranten wohl in ihrem Gepäck mitfuhrten (Stoffballen, Gebetbucher, Spielzeug, Haushaltgegenstande). Fur unseren brasilianischen Vetter sind diese Gegenstande, die nur noch fur einen Trödler Wert zu haben scheinen, zu echten Schätzen geworden. Wunder über Wunder; man kann sie sogar betasten und in die Hand nehmen. So berichtet Martin Nicoulin, der bei der Eröffnung des Museums in Nova Friburgo im August 1996 dabei war Der Höhepunkt aber ist die rote Erde Brasiliens (Nova Friburgo) und die schwarze Erde der Schweiz (Freiburg), in einem hölzernen Behälter vereint «Zwei Schollen, doch ein einziges Herz». Auch am 1. August 1996, dem Schweizerischen Nationalfeiertag, war er dabei, als die Schweizer die Käserei «Casa Suica von Nova Friburgo» eingeweiht haben. In Nova Friburgo leben viele Nachkommen der Schweizer Auswanderer. Ein weiterer Grund, weshalb die Stadt ruhig, konservativ und verschlossen ist Am Anfang hatten die Schweizer grosse Sprachprobleme, sie beherrschten die portugiesische Sprache nicht, zogen sich zurück und blieben ruhig im Hintergrund. In seinen Erzählungen erwähnte Jorge Knupp, in Brasilien seien die Knupp uberall verbreitet, in der Stadt sowie auf dem Land, Nachkommen von zwei Brüdern, die 1819 ausgewandert sind. Wenn man alle Knupp in Brasilien erforschen wollte, wurde das den Rahmen sprengen. Nova Friburgo hat 1819 zu Canto-Gallo gehört. Cantagalo (früher Canto- Gallo) bedeute auf Deutsch „Krahhahn". Cantagalo ist eine kleine Stadt von ungefähr 40'000 Einwohnern und liegt 30 km von Nova Friburgo entfernt. Auch in Cantagalo hat es viele Nachkommen aus der Schweiz. Das Land zwischen Nova Friburgo und Canto-Gallo ist eine grüne Talschaft. Man findet auch heute noch Kaffeeplantagen, die sich in Privatbesitz befinden. Die Landschaft in Anita Weibel-Knupp 233 Abb. 8: Bekannte Namen im ungewohnten Abb. 9: Cantagalo 1860 von J.J. von Tschu- Umfeld. Noch heute sind typische Schweizer- di, im Vordergrund das Fiotel Friaux, Familiennamen in Nova Friburgo verbreitet, Freiburg, Kantons- und Universitätsbibliothek wie Knupp, Flotz, Stutz, Klein usw. Foto v. (M. Nicoulin) Jean-Luc Brülhart St. Pedro ist paradiesisch, aber sehr arm. Die Bauern pflanzen Wurzelgemüse und Bananen an, verdienen aber damit zu wenig, um eine grosse Familie zu versorgen. Jene, die ein Haus erben konnten, sind besser dran, sie können neben der Landwirtschaft eine Privatpension führen. Viele Menschen sind blond mit blauen Augen, da sie schweizerische und deutsche Vorfahren haben. Die Einwohner in St. Pedro machen sich keine allzu grossen Gedanken über Abb. 6: Willisau-Centerangrenzend an die Abb. 7: Queijaria Escola de Nova Friburgo", Heilpädagogische Schule. Die Stadt ist SchweizerMuseum derEinwanderer. vernetzt: Kilometerlange Strom- und Telefonkabel Die Käseschule und Käserei„Käsehaus" prägen das Stadtbild, Foto von Jean-Lue Brülhart. 234 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 ihre Herkunft und Wurzeln. Sie haben andere Sorgen, als das Erbe der Vorfahren zu pflegen. Anders ist es in den oberen Schichten, in Nova Friburgo und Cantagalo; das Interesse und Forschen nach den Schweizer Vorfahren ist sehr gross, und wird gar als Hobby betrieben. Brasilien ist ein schönes Land, es gibt jedoch nur wenig reiche Leute, der grösste Teil der Menschen ist arm. In den engen Ballungsräumen der Stadt prallen soziale Gegensätze aufeinander, während die Mittel- oder Oberschicht in Appartementhochhäusern oder luxuriösen Villen leben. Diese Welten trennt oft nur eine Strasse, Kriminalität entsteht auf Grund sozialer Not. Die Steuern sind sehr hoch und der Verdienst nicht gerade rosig, trotzdem sind die Menschen fröhlich. Durch Brasiliens geografische Lage auf der Südhalbkugel erscheinen die Jahreszeiten umgekehrt: Der Hochsommer fällt auf die Zeit zwischen Dezember und Februar, während der meist milde Winter zwischen Juni und August stattfindet. Für Einreisende aus der Schweiz, Österreich oder Deutschland ist der Aufenthalt in Brasilien für 90 Tage visumfrei. Es ist für einen portugiesisch-brasilianischen Professor mit Schweizer Abstammung spannend, mit Spürsinn die eigene Ahnenreihe Glied um Glied zu erforschen. Doch kann es für mich ebenso interessant sein, die Auswanderergeschichte der Schweizer nach Brasilien, und zwar speziell jene der Knupp in den Jahren 1818/1819, als Nova Friburgo bei Rio de Janeiro gegründet wurde, zu dokumentieren. Ebenso wertvoll sind die vielen Familiendaten der Knupp und deren Nachkommenschaft der Auswanderer, welche nun in Brasilien ihre Wurzeln haben. Jorge Knupp ist also seiner Sippe nachgegangen, und ich habe erlebt, wie aus einer Familienlegende Schritt für Schritt Familiengeschichte wurde. Die Geschichte der Knupp- Auswanderer zieht sich über mehrere Generationen hinweg. Ich konnte immer neue Erkenntnisse über die Lebensweise und den Charakter unserer Vorfahren aus Brasilien aufdecken. Es waren nicht nur „gute Zeiten", die diese Familien erlebten! Die Familienforschung bringt uns oft Schicksale näher, die man sonst vergessen würde. Ich habe die Familiendaten (Tafel 7 a-e, Brasilien) der Nachkommenschaft der Knupp-Auswan- derer zusammengestellt und die geschichtlichen Aspekte Brasiliens und der Schweiz der damaligen Zeit sowie die heutige Lebensweise unserer Auswandererfamilie Knupp verfasst. Diese Geschichte hat ihren Niederschlag in verschiedenen Kapiteln und Abschnitten der Familiengeschichte unserer Vorfahren aus Brasilien und bringt den Ausgewanderten die eigene Heimat näher. Die Beziehungen zwischen den Daheimgebliebenen und den Ausgewanderten scheinen nun wieder lebendig. Der Geschichte der schweizerischen Auswanderung nachzugehen, sei dies aus historischer oder familienkundlicher Sicht, war einer der spannendsten und aufregendsten Komponenten bei der Erstellung meiner Ahnen-, Vorfah- Anita Weibel-Knupp 235 ren- und Nachfahrenlisten und -tafeln. Dabei ging es mir nicht darum, einen „reichen Onkel in Brasilien" ausfindig zu machen, sondern vielmehr darum, die unbekannten Verwandten und deren Familiengeschichte im anfangs noch unbekannten Brasilien aufzuspüren, sie zuerst in die eigene Forschung einzube- ziehen und ihnen spater vielleicht sogar in einem Verwandtschaftstreffen persönlich begegnen zu dürfen, was dann ja auch geschah. Ich selbst erlebte, dass die Nachkommen unserer ausgewanderten Knupp grosses Interesse an unserer Familiengeschichte zeigen, um ihre Wurzeln neu aufzuspüren. Die Reise ins Ungewisse Entscheid fürs Leben Ruckwanderer gab es nur wenige, wie z B Flerr Flecht aus Willisau. Wer nach Brasilien oder Wisconsin auswanderte, war oft vier oder fünf Monate unterwegs. Die Uberfahrt wurde zur einschneidenden, schicksalshaften Erfahrung, und war oft die erste und einzige grosse Reise im Leben der Betroffenen Die meistbefahrene Route führte von Basel auf Rheinschiffen zu einem holländischen Flafen (10 bis 25 Tage). Von Rotterdam oder Dordrecht segelten regelmassig Passagierschiffe nach den nordamerikanischen Flafen. Alternative Uberlandroute via Paris nach Le Flavre (ab Basel rund 20 Tage) oder via Genf nach Marseille (10 bis 20 Tage), von dort segelten sie nach nord- und sudamerikanischen Flafen Bevorzugte Ziele in Sudamerika waren Brasilien und Argentinien (Ostkuste und Andenrand). Fiolle im Zwischendeck: Die Grosszahl reiste als Billigpassagiere im Zwischendeck, in stickigen und lichtlosen Grosskabinen. Segelschiffe nahmen bis 250, Dampfer bis 800 Reisende auf. Die Verhaltnisse erinnerten an die Schlepperpraktiken, an völlig unzureichende hygienische Verhaltnisse und mangelnde Ernährung Bei den Seglern blieben die Luken, die aufs Deck führten, bei Sturmwetter geschlossen; also hatten sie manchmal wahrend Tagen, ja Wochen, keinen Zugang zu den Toiletten und Kocheinrichtungen, die sich dort befanden. Ansteckende Krankheiten verbreiteten sich rasch, die Mangelerkrankung Skorbut forderte viele Opfer. Im 18. Jahrhundert starben wahrend der Uberfahrt oft zehn bis zwanzig Prozent der Passagiere. Das Schreiben des Kufers Wyss zeigt, dass auch die ersten Tage nach der Landung viele Todesopfer forderten. Die Strapazen der Uberfahrt und das ungewohnte Klima am Bestimmungsort forderten ihren Tribut. 236 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Segeln oder Flucht? In gewissem Sinne übernahm die Auswanderung die Rolle des Solddienstes, der für die Schweiz nach den Napoleonischen Kriegen an Bedeutung verlor. Befürworter machten denn auch für beide Möglichkeiten ähnliche Argumente geltend: Sie absorbierten überschussige Arbeitskräfte, kanalisierten die jugendlichen Abenteurer und entlasteten die Fürsorgeeinrichtungen. Tatsächlich schoben um 1819/1860 manche Gemeinden bedürftige Familien regelrecht ab, indem man für sie die Fahrtkosten ganz oder teilweise übernahm. Umgekehrt beklagten Gegner des Solddienstes wie der Emigration, es gingen dem Land dynamische und unternehmungslustige Bürger und Bürgerinnen verloren. Das schwächte nicht nur die eigene Wirtschaft, sondern auch Vaterlandsliebe und Fieimattreue. Schon um 1750 erschwerten die Berner oder Zürcher Behörden die Auswanderungen mit „Abzugssteuern" oder durch Sperren der nötigen Papiere. Im Rückblick lässt sich trotzdem ein günstiges Fazit ziehen: Die Auswanderungen brachten technisch-wirtschaftliches Know-how durch Rückwanderer (Zuckerbäcker, Melker, Baumeister kehrten mit neuen Kenntnissen zurück); förderten den Export (Agenturen und Vertretungen für Uhren-, Musikdosenoder Seidenindustrie); belebte den allgemeinen politischen und kulturellen Austausch. Weshalb sind sie ausgewandert? Das Gespräch mit dem Tessiner Maurer Durini oder dem Brief von Johann Büchler zeigt deutlich: Man wanderte aus, weil man zu Hause keine Arbeitfand. Eindeutiger Beleg, der Rekord des Jahres 1883 von rund 15'000 Abreisenden. Damais trieben billige Nahrungsmittelimporte per Bahn (Gotthard 1882 eröffnet) viele Kleinbauernbetriebe in den Ruin. Im 18. Jahrhundert waren es religiöse Grunde; Täufer zogen nach Deutschland oder Nordamerika, weil die Behörden ihre Religion verboten. Flugblätter versprachen fruchtbare Ländereien zu gunstigen Preisen; die Nachricht vom schnellen Reichtum und von Goldfunden lockten Abenteuerlustige. Unter den ersten Deutschschweizer Kolonisten waren viele Täufer. Briefe und Tagebücher berichteten von Strapazen und vom Fleimweh, aber auch von der Faszination eines Neuanfangs. Dies führte zur Gründung von Nova Friburgo, im Staat Rio de Janeiro, die von der brasilianischen Regierung in direkter Zusammenarbeit mit den Behörden der Stadt Freiburg organisiert worden war. Die portugiesische Kolonie musste bevölkert werden. Durch die Auswahl des unfruchtbaren Siedlungslandes schlugen etliche Anstrengungen fehl, so dass nur wenige Familien auf ihren ursprünglichen Siedlungen in Nova Friburgo verblieben. Sie haben dem Gastland einen nicht minder grossen Dienst erwiesen, indem sich ihre Flartnäckigkeit, ihr fachliches Anita Weibel-Knupp 237 Können und vor allem ihre landwirtschaftliche Erfahrung in den verschiedensten Teilen des Landes auswirkten und anderen als Vorbild und Ansporn dienen konnten. Die von privater Seite, ausgesprochenen dilettantisch, organisierten Siedlungsaktionen waren von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Wenn sich ein einzelner Siedler dennoch durchsetzen konnte, so verdankte er das seiner unerhörten Standhaftigkeit sowie physischen und moralischen Widerstandskraft. Den schweizerischen Siedlungen fehlte aus den angetönten Gründen die Beständigkeit. Sie sind infolgedessen im brasilianischen Volkstum völlig Der Gebrauch der Muttersprache, unverfälschter Luzerner Dialekt aufgegangen. oder andere Mundarten, verlor sich sehr bald in der zweiten Generation, was angesichts der Umstände begreiflich ist. Einige Kolonien jedoch hatten es dank ihrer kulturellen und religiösen Geschlossenheit verstanden, das Schweizertum in ihrem Bewusstsein und sogar noch weitgehend in der Sprache zu erhalten. Die dritte oder gar vierte Generation verstand zum mindesten noch Schweizerdeutsch. Das hinderte sie jedoch nicht, treue und staatsbewusste brasilianische Bürger zu sein. Von den Schweizerfamilien, die 1819 in Brasilien eingewandert waren, blieben in Nova Friburgo nur zwölf Familien, darunter Joseph und Johan Knupp mit ihren Familien. Krankheiten, Fleimweh und ungenügende Lebenstüchtigkeit im harten Daseinskampf verringerten derart ihre Zahl. Neue Schweizer Einwanderer und vor allem eine für uns heute unglaubliche Fruchtbarkeit der Familien ergaben bis zum heutigen Tag eine stattliche Zahl. Geheiratet wurde anfänglich in der Regel nur unter den Schweizern, die sich durch weitere Zuwanderungen vermehrten. Dadurch wurde damals noch lebendige Schweizer Tradition gewahrt. Mit der Zeit vermischte sich durch Heirat das schweizerische mit dem brasilianischen Blut. Der entscheidende wirtschaftliche Aufstieg erfolgte im Jahre 1888/89, als die Sklaverei aufgehoben wurde und eine Wirtschaftskrise das Land heimsuchte. Viele Familien erfassten die Situation, indem sie ihre Ersparnisse zusammentaten und Land in den benachbarten Orten kauften. Dank ihrer ungebrochenen Arbeitskraft und ihrer aussergewöhnlichen Tüchtigkeit konnten sie weiter Land dazu kaufen. Bei allem Wohlstand - es gab einige Frankenmillionäre unter ihnen - haben sie ihre schweizerische, schlichte Einfachheit bewahrt, die nicht diesen Reichtum vermuten Hess. Welches waren die Faktoren, die jene erstaunliche kulturelle Konstanz bewirkte? Ais solche standen im Vordergrund: Gleichheit der Sprache, der Tradition, der Religion, der Arbeit (Landwirtschaft), Bande des Blutes, Institutionen wie Schützengesellschaft (Schützenfest), Gesangsvereine, Blechmusik, Feste wie Fastnacht und 1. August. Fleute ist die Stadt „Nova Friburgo" ein vielbesuchter Luftkurort in der sogenannten brasilianischen Schweiz. 238 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Unsere Vorfahren finden in Brasilien eine neue Heimat Joanes und Joseph Knupp mit ihren Frauen und Kindern (17 Personen) zogen im Jahre 1819 weg. Die grosse Auswanderung von 1819 musste die Folge von katastrophalen Verhängnissen gewesen sein Es herrschte zu jener Zeit verschiedenenorts im Luzernerland Aufbruchstimmung. Auswanderung nach Brasilien war Flucht vom Vaterland und nicht die einfachste Losung Aus dem Amt Willisau verlies- sen 78 Personen ihre Heimat und ubersiedelten nach Sudamerika Wer heute unser Land verlasst, um im Ausland fur kürzere oder längere Zeit zu arbeiten, kann das mit verhältnismässig geringem Aufwand tun. Bahn und Flugzeug bringen jeden Reisenden mit mehr oder weniger Gepäck spielend in ein anderes Land. Vor 200 Jahren war das noch etwas anders. Die erhaltenen Dokumente geben uns einen verhältnismässig guten Einblick über dieses waghalsige Unterfangen. Eine Gruppe von ungefähr 2000 Personen verliess das Land und ubersiedelte nach Brasilien. Sie verteilten sich auf den sieben Auswanderer-Schiffen. Das Schiff der Luzerner hiess Heureux-Voyage mit 442 Passagieren, darunter waren 140 Luzerner. Es gab 43 Tote, wovon 13 Personen aus dem Kanton Luzern waren. Der Strom der Auswanderer wurde von Freiburg aus gelenkt, weshalb sich die Kolonie in Brasilien Nova Friburgo nannte. Es war eine organisierte, aber beschwerliche Reise Die Schweizer Kantone suchen Siedler Im Marz 1808 Hess sich der portugiesische Hof in Rio de Janeiro nieder. Am 18 Mai 1817 reiste Sebastien-Nicolas Gachet im Auftrag der Freiburger Regierung nach Rio de Janeiro, um über die Gründung einer Schweizer Kolonie zu verhandeln. Am 2. Mai 1818 anerkannte Konig Joäo VI. die schweizerische Neutralltat und ernannte Jean-Baptiste Bremond zum portugiesischen und brasilianischen Generalkonsul in der Schweiz. Am 16. Mai 1818 ratifizierte Konig Joäo VI den Kolonisierungsvertrag (Jahrestag und Gründung von Nova Friburgo) Am 23. Oktober 1818 zeigte sich die Freiburger Regierung erfreut über die Ergebnisse der in Rio geführten Verhandlungen. Sie dankte Gachet, ratifizierte den Kolonisierungsvertrag und beschloss, sich an der Schweizer Emigration nach Brasilien zu beteiligen Nun rief die Freiburger Regierung zur Einschreibung auf. In Absprache mit dem neuen portugiesisch-brasilianischen Konsul Bremond setzte sie das Freiburger Kontingent auf 700 Personen fest. Man suchte Auswanderungswillige mit Sätzen wie diesen zu uberzeugen- „Ein gepflanzter Kohlkopf bringt einen neuen Kohl hervor. Es gibt zwei Kartoffelern- Anita Weibel-Knupp 239 ten im Jahr." Solche Aussagen setzten sich in den Köpfen fest und beflügelten die Fantasie. Hungersnot und Elend waren offenbar unbekannt in Brasilien. Am 10. November 1818 bot Konsul Bremond den Kantonen Bern, Wallis, Aargau, Luzern, Solothurn und Schwyz an, sich an der Kolonisierung zu beteiligen. Seine Versprechungen fanden überall offene Ohren, und so hatten er und Gachet keinerlei Mühe, die von ihnen insgeheim festgelegte Zahl von 2000 Personen zu erreichen. So stapften im Januar und Februar 1819 zahlreiche Familienväter und ledige Männer durch den Schnee, um sich in den Oberämtern als Kandidaten für Brasilien anzumelden (darunter befanden sich auch unsere Vorfahren, Joanes und Josephus Knupp). Sie wollten die Schweiz verlassen, weil sie ihren Kindern ein Leben ohne Hunger und Not bieten wollten, weil sie ein besseres Schicksal wünschten und weil sie von Reichtum, Abenteuern oder einem neuen Vaterland träumten. Die Frauen folgten freiwillig oder unfreiwillig ihren Ehemännern; manche entflohen einer Ehehölle, wollten mit ihrem Geliebten vereint sein oder suchten ihre Würde wiederzuerlangen. Wie die Herkunftsorte der Auswanderer erkennen lassen, bekannten sich 90 % zum katholischen Glauben. Die Protestanten bildeten eine kleine Minderheit. Je zur Hälfte setzten sich die Siedler aus Bauern und Handwerkern zusammen. Die ersten Einwohner von Nova Friburgo konnten lesen und schreiben und vermochten ihren vollen Namen unter ein Dokument zu setzen. Die Auswanderer nach Kantonen: Freiburg 830, Bern und Jura 500, Wallis 160, Waadt 90, Neuenburg 5, Genf 3, Aargau 143, Solothurn 118, Luzern 140, Schwyz 17 Total 2006 Im April 1819 organisierte Jean-Baptiste Bremond im Einverständnis mit der Freiburger und Berner Regierung die Flussreise von der Schweiz zum holländischen Meerhafen. So wurde die Reise bis Holland organisiert, der Preis festgelegt und für den Komfort der Reisenden Bänke und Tucher bereitgestellt. Die Kantone ernannten Kommissare, die sich um die Finanzen kümmerten, fur Ruhe und Ordnung sorgten und den ganzen Ablauf uberwachten. Am 3. Mai 1819 wurde Sebastien-Nicolas Gachet zum ersten Schweizer Konsul in Rio de Janeiro ernannt. Er sollte die Interessen der Siedler in der neuen Heimat vertreten. Weiter wurden auch Führungskräfte für die neue Kolonie gesucht sowie ein Pfarrer, Ärzte, Tierärzte, Apotheker und Lehrer. Die Brasilianer, wie man sie nannte, bereiteten sich auf eine Reise ohne Rückkehr vor. Sie verkauften ihre Hauser, ihre Grundstücke und ihr Vieh. Manche begnügten sich damit, ihr Gut in Pacht zu geben. Sie verschafften sich Taufscheine und packten ihre Koffer. Das Gepäck der Auswanderer (die Siedler wurden aufgeteilt auf sieben Schiffe) kam auf ein separates achtes Schiff „TRAJAN". Am 14. Juni gab Freiburg die letzten Instruktionen an die Siedler. 240 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Die Zeit von Luzern nach Laufenburg - Basel - Holland Im Februar 2000 kontaktierte ich den Willisauer Historiker Eugen Meyer- Sidler. Er wies mich auf den Bericht über die Auswanderer nach Brasilien hin. Josef Anton Hecht aus Willisau, der 1819 nach Südamerika ausgewandert ist, kehrte schon im Dezember 1822 wieder zu seiner Familie nach Willisau zurück. Wie ich dem Bericht entnehmen konnte, hat die Hohe Regierung des Kantons Luzern den 11. Juni 1819 festgelegt. Die gemeldeten kantonsangehörigen Auswanderer nach Brasilien mussten sich in Luzern versammeln. Am 10. Juli morgens um 2 Uhr verliessen die 17 Personen der Familie Knupp Grossdietwil. Sie kamen am 11. nachmittags in Luzern an, wo jeder logierte, wie es ihm gefiel. Sie erhielten den Befehl: „Morgens um 7 Uhr müssen alle Kolonisten mit ihren nummerierten Kisten fort ...". Tags darauf machten sich 140 Kolonisten aus dem Kanton Luzern zur Abfahrt mit dem Schiff bereit. Am 12. Juli verliessen sie Luzern und fuhren am gleichen Tage bis nach Laufenburg (die Reuss und die Aare waren damals noch bis zur Rheinmündung schiffbar). In Laufenburg mussten sie acht Tage auf Schiffe aus Basel warten. Am 20. endlich konnten sie Laufenburg verlassen und kamen am gleichen Abend in der Stadt Basel an. Sie waren tropfnass, denn sie hatten während eines heftigen Regenwetters auf dem Schiff kein Obdach, was einen ziemlich traurigen Abschied von der Schweiz hinterliess. Wer Geld hatte, logierte in einem Wirtshaus, und wer keines mit sich brachte, musste seine Lagerstätte auf Stroh einrichten. Auch hier blieben sie wieder 2 % Tage. Jede Person erhielt täglich 1 Vx Pfund Brot. Hier trafen die Luzerner auch die übrigen Schweizer Kolonisten an, die Walliser, Solothurner, Aargauer und Schwyzer, nur die Kolonisten von Freiburg waren schon abgefahren. Am 23. Juli fuhren die Auswanderer in Basel ab und erreichten Dordrecht (Holland) am 4. August. Das Schiff war ordentlich eingerichtet, mit sehr guter Bedeckung; hinten auf dem Schiff konnte man kochen. Aufenthalt zu Dordrecht In Dordrecht mussten die rund 2'000 Schweizer Kolonisten ein Logis ausserhalb oder innerhalb der Stadt suchen, bis die grossen Meerschiffe verproviantiert und in Stand gesetzt waren. Die Auswanderer lebten in Zelten oder in Schuppen. Die lange Wartezeit an malariaverseuchten Flussufern wurde ihnen zum Verhängnis. Viele erkrankten und verloren ihre Widerstandskraft für die lange Meerfahrt. Hier sahen die Auswanderer den Anführer Nikiaus Gachet zum ersten Mal. Endlich nach sieben Wochen fuhren sie weiter, bis Amsterdam und Den Heldeer, wo sie am 29. September ankamen. Anita Weibel-Knupp 241 Abb. 10: Lager derSchweizer Auswandererin Mirjl (Dord- recht-Holland) Aquarell von Isaak Schoum- ann Dordrecht Gemeindearchiv Holland - Rio de Janeiro In Den Heldeer wurden sie in den grossen Meerschiffen einquartiert: 442 Personen befanden sich mit den Luzern auf dem Schiff „Heureux Voyage", so auch die Walliser, Solothurner, Pruntruter sowie Männer aus Bern. Am Sonntag den 10. Oktober fuhren sie hinaus aufs Meer und erreichten am 15. Dezember Rio de Janeiro. Sie waren also fünf Monate unterwegs, davon 66 Tage auf dem Meer. Nicht lange, nachdem sie den Ärmelkanal passiert hatten, verloren sie das Land aus den Augen. Es war ein sonderbarer Anblick, oben nur der blaue Himmel und unter nichts als grünes Wasser. Ein ungemein günstiger Wind ging, der so stark in die Segel blies, dass es unmöglich war, die schnelle Fahrt des Schiffes auch mit dem schnellsten Laufe eines daher rollenden Wagens zu vergleichen. Als das Schiff anfing, stärkere Bewegungen zu machen, waren die Kolonisten nach und nach von der Seekrankheit betroffen, die gegen drei Wochen dauerte. Auf dem Schiff wurde das erste Mal für die Auswanderer gekocht. Sie bekamen Bohnen und eingesalzenes Fleisch, gekocht mit Meerwasser. Bezüglich der Reinigung auf dem Schiff wurde strengste Ordnung eingehalten. Das Schlafgemach befand sich im Schiffsbauch. Ach, was sie des Nachts ausstehen mussten, da war ein Dunst, eine fürchterliche Wärme und allerhand Gestank, so dass sie zu ersticken glaubten. Man stelle sich einen recht langen Kasten vor, darin keine Fenster, nur zwei „Stiegenlöcher", die aber geschlossen wurden. Da lagen Junge und Alte durcheinander, Kranke und Gesunde. Jämmerliches Kindergeschrei ertönte von hinten, von vorne, von allen Seiten. Auf dem Schiff gab es auch Läuse; die Passagiere erhielten also Besuch von kleinen Schmarotzern, gegen die alle Reinlichkeit nichts brachte. Aber man war untereinander auch sehr fröhlich, tanzte und sang auf dem Schiff. So ging es fast täglich lustig und fröhlich zu und her. Auf dem Schiff befand sich ein Mann mit Frau und zwei Kindern, der lang vorher Soldat in Holland gewesen war; sobald er seine Pfeife oder Flöte hervor holte, waren die Auswanderer 242 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 wieder zufrieden. Bei schönem Wetter und gunstigem Wind hatten die Matrosen nichts anderes zu tun als zu essen, zu trinken und sich mit den Weibsbildern herumzuschlagen. Am Sonntag hielt der Priester eine Predigt und betete mit dem Volk den Rosenkranz. Selbst wenn sterbende Menschen unten im Schiff waren, ging es auf dem Schiffsdeck „mutwillig" zu. Solches Volk konnte wahrlich nur durch ein Unglück zu besserer Gesinnung gebracht werden - was dann auch geschah! Ein heftiger Sturm auf dem Schiff Die ganzen vier Wochen seit der Abfahrt von Den Heldeer hatten die Auswanderer auf dem Schiff „Heureux-Voyage" herrliches Wetter und sie waren unter einem gunstigen Wind weit vorangekommen, so dass sie am 4. November die portugiesische Insel Madeira zu Gesicht bekamen. Sie feierten das Fest des heiligen Karl zu Ehren des solothurnischen Kommissars. Der Solothurner liess dem Kapitan ein Gastmahl und den Kolonisten eine „Bouteille" Wein bringen. Etwa 200 Personen waren auf dem Schiffsdeck. Das Schiff fuhr schnell - gegen 32 Segel waren gespannt. Plötzlich drehte der Wind auf Sturm. Eine Bo brach den Hauptmast, der bei seinem Fall die gesamte Takelage herunterriss. Manner, Frauen und Kinder schrien, beteten und weinten. Dem Kapitan gelang es das Schiff zu stabilisieren Am Morgen nach dem Sturm trat wieder Windstille ein und die Schweizer Zimmerleute halfen bei der Behebung der Schaden. Schon nach acht Tagen waren die Mastbaume wieder aufgerichtet, die Segel neu gespannt und sie konnten die Reise fortsetzen. Streit unter den Kolonisten Ein weiteres Erlebnis auf dem Schiff war, dass ein Walliser und ein Schwyzer heftig miteinander stritten. Ein Solothurner kümmerte sich um den Walliser, der betrunkene Schwyzer wurde vor den Kapitan zitiert. Der Kapitan sprach ein Machtwort und verurteilte den Schwyzer zu 50 Stockhieben. Dieser musste die Strafe erdulden, beteuerte jedoch seine Unschuld und lehnte es ab, sich zu entschuldigen Das Urteil wurde sogleich vollzogen. Ein Steuermann band dem Angeklagten die Hände zusammen und vor aller Augen wurde er an einem Seil emporgezogen. Zwei Steuermanner mussten ihm mit einem Stock die 50 Schlage erteilen. Von beiden Seiten wurde er geschlagen, dass ihm die Wangen, Ohren, ja alle Korperteile aufschwollen Wie sich nachtraglich herausgestellt hat, war tatsachlich der andere schuld. Der Schwyzer erhielt nun acht Tage lang freies Getränk. Anita Weibel-Knupp 243 Die ersten Toten Nicht alle Personen waren von gesunder Natur, so dass einige davon starker an der Seekrankheit litten und, durch Durst und Warme gequält, einem raschen Tod erlagen. Zuerst starb eine Frau aus dem Wallis, die ihrem Mann sechs Kinder hinterliess und wahrend der Krankheit noch ein Kind gebar. Ein Tag nach der Geburt war sie sehr schwach, so dass der Arzt es fur besser fand, wenn man sie in ein Bett an die frische Luft, auf das Deck bringen wurde. Die Landesleute wollten keinen Platz machen. Da kam der Steuermann und ein Matrose und sie sagten mit rauer Stimme- „Ihr Leute, macht Platz, oder wir schmeissen euch ins Meer hinaus, wollt ihr nicht einer sterbenden Person einen ruhigen Platz gönnen, ihr Hunde, wollt noch katholische Christen sein - schone Bruderliebe". Morgens um 10 Uhr brachte man sie auf das Schiffsdeck und nachmittags um 3 Uhr starb sie. Man wickelte sie dann in ein Leintuch ein, welches zugenaht und 15 Stunden auf dem Platz gelassen wurde Morgens um 6 Uhr kam der Steuermann und befahl, die verstorbene Frau auf die rechte Seite zu bringen, damit man sie ins Meer versenken könne. Dann rief der Priester das Volk zusammen und betete Nun liess man den Leichnam, mit den Fussen voraus, in das Meer gleiten. So wurde es stets gehandhabt, keiner entrann den Haifischen. Nach dem Tod dieser Frau starb ein Knabe von 16 Jahren, bald da ein Kind, bald dort ein Mann oder eine Frau. Anz. Tod vor und aufdem In Macacu Ort Total in % Auswanderer in Holland Meer Brasilien Freiburger 830 28 185 19 232 27,95 Berner 500 8 62 4 74 14,8 Walliser 160 4 18 1 23 14,38 Waadtlander 90 1 8 1 10 11,11 Neuenburger 5 - - Genfer 3 - Aargauer 143 1 10 3 14 9,79 Solothurner 118 - 12 4 16 13,56 Schwyzer 17 3 - 3 17,65 Luzerner 140 1 13 3 17 12,14 Total 2'006 43 311 35 389 19,3 Tab 1 Statistik der verstorbenen Auswanderer (Nach Martin Nicoulm) 244 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Schiff Anzahl Passagiere Tote in % Urania 437 107 24,49 Daphne 197 31 15,74 Debby-Elisa 233 25 10,73 Elisabeth-Marie 228 19 8,33 Deux-Catherine 357 77 21,57 Camillus 119 9 7,56 Heureux-Voyage 442 43 9,73 Heureux-Voyage (Glückliche Reise) Schiffder Luzerner 442 43 9,73 Luzern 140 17 AmtWillisau Tod festgestellt Name, Vorname Alter Begraben Ortschaft Fischbach MarfurtAnna 2J 05 10 1819 ins Meerversenkt Grosswangen Huber Elisabeth 12J 22 10 1819 ins Meerversenkt Huber Maria 5J 22 10 1819 ins Meerversenkt Huber Marianna 42J 24 01 1820 in Macacu HuberJost 17J 27 04 1820 in Nova Friburgo LuterbachJohann 54J 18 08 1819 in Dordrecht Menznau Jung Melchior 42J 12 10 1819 ins Meerversenkt Hunkeler Rosa 6J 01 11 1819 ins Meerversenkt Hunkeler Barbara 1J4J 15 01 1820 in Nova Friburg HunkelerAnne-Marie 37J 16 01 1820 in Nova Friburg HunkelerJosef 1703 1820 in Nova Friburg MeyerJosette 50J 05 03 1820 in Macacu MeyerAnna 8J 27 04 1820 in Nova Friburgo Schotz ButtlerElisabeth 6J 17 01 1820 in Nova Friburgo ButtlerMarianna 5J 1704 1820 in Nova Friburgo Willisau JostGenoveva 6 Mt 06 12 1819 ins Meerversenkt Jost Marianne 3J 1401 1820 in Nova Friburgo WaterwaldAnton 48J 25 10 1819 ins Meerversenkt Waterwald Maria 15J 28 12 1819 in Nova Friburgo Waterwald Clara 38J 25 01 1820 in Nova Friburgo Waterwald Katharina 6J 25 02 1820 in Nova Friburgo WermelingerJohann 1J 28 11 1819 ins Meerversenkt (Quelle AlbertoLimaAbib) Grossdietwil KnupAnton 3 Mt 26 11 1819 ins Meerversenkt KnupJoseph 54J 03 06 1820 in Nova Friburgo (Quelle JorgeKnupp NF) Tab. 2: Sterblichkeit aufden sieben Auswanderer-Schiffen Anita Weibel-Knupp 245 Land in Sicht Die Auswanderer waren schon acht Wochen und drei Tage unterwegs, und noch nirgends zeigte sich eine Insel Das Volk begann zu jammern und wollte endlich frei sein Am Morgen in aller Frühe erblickten die Schweizer Kolonisten das Land Brasilien Land' Land' Auf dieses Freudengeschrei hm drängte sich das Volk hervor Die jüngeren Burschen kletterten rasch die Seile hinauf, und die Matrosen stiegen auf die Mastbaume, zogen die See- und Landkarte hervor und mussten mit Schrecken feststellen, dass dieses Land eine unbewohnte Insel in der Nahe von Brasilien war Der Kapitan gab den Befehl zum Umschwenken Nach 2 1/2 Tagen erblickten sie wirklich das fur sie bestimmte Land Brasilien Als das Schiff in Rio de Janeiro ankam, verbrachten die Siedler die erste Nacht auf dem Schiff Um 10 Uhr morgens den 15 Christmonat 1819, warfen sie vor der Haupt- stadt Brasiliens den Anker Bald erschienen Generale und Stabsoffiziere auf schon hergerichteten kleinen Schiffen Alle mussten auf das Schiffsdeck steigen und wurden von diesen gut gekleideten Flerren betrachtet und bemustert Den ganzen Tag bis tief in die Nacht mussten sie Parade stehen Solch eine Ehre' Sie wussten nicht, was das bedeutet - ob sie fur die Brasilianer etwas ganz Besonderes waren, oder ob das üblich war, dass die Einwohner der Flauptstadt, fremde Menschen recht lange „begafften" Morgens um 1 Uhr hiess es „Alle auf, auf ihr faulen Gesellen" Sie standen auf, nahmen ihre Siebensachen und begaben sich wieder auf Deck 20 Schiffe warteten auf die Auswanderer, um sie fortzufuhren Das Reisegepäck wurde auf besondere Schiffe verladen Nun wurden die Passagiere direkt vor den Konig gefuhrt, dessen „Lustschloss" auf einer Insel, etwa zwei Stunden von der Flauptstadt entfernt, lag Als sie nach einer so langen Reise (10 Wochen) wieder festen Boden betraten, konnten sie zuerst gar nicht stehen, alle taumelten wie Betrunkene Die Passagiere mussten die besten Kleider anziehen und paarweise antreten Der Konig sass in einem grossen Saal seines Schlosses neben seiner Gemahlin, einer osterreichi sehen Prinzessin (Leopoldine, Erzherzogin) und zwei Prinzen, umgeben von Ministern Paarweise traten sie vor den Konig und kussten ihm die Fland Nachher durften sie durch den herrlichen Lustgarten ziehen Die Orangen, Feigen, Pfirsiche, Kokosnüsse, Ananas etc lachten ihnen entgegen Anschliessend begaben sie sich wieder zurück auf ihre Schiffe, wo man den Schweizern mit einer Specksuppe, mit Fleisch und Speck sowie Bohnengemuse aufwartete Im Licht der Abendsonne bewunderten sie das Panorama der brasilianischen Hauptstadt mit ihren Kirchen und Klostern Der Empfang war sehr herzlich „Monseigneur Miranda", Inspektor der Kolonie (der zugleich Bischof war), kam aufs Schiff und sprach allen Mut zu Zum ersten Mal konnten unsere Vorfahren Orangen und Bananen essen Zum Trinken gab es Wein und „Cachaca" Am 246 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Abend wurde ein Triumphbogen errichtet mit der Inschrift: „Es lebe der König von Brasilien und der Herzog Miranda, unser Direktor." Reise nach dem Bestimmungsort der Stadt Neu-Freyburg Sobald die Schweizer mit dem Essen fertig waren, bestiegen sie wieder ihre Schiffe um die Reise fortzusetzen. Es brauste aber ein starker Gegenwind, und wegen der Flut mussten die Anker geworfen werden. Wiederum mussten sie über Nacht auf offener See bleiben. Die Lebensmittel gingen zur Neige und die Kinder hatten schon lange keine gesunde Kuhmilch mehr genossen. Mit dem Schiff ging es am andern Tag weiter bis nach Tamby. Als die Passagiere an Land gingen, stellten die Brasilianer fest, dass sie arm, aber robust waren. Schaluppen brachten die Auswanderer von ihrem Schiff nach Tamby, wo sie glücklich wieder festen Boden unter den Füssen hatten. Dort erholten sie sich 3 >2 Tage in Zelten (Quartiere) auf den mitgebrachten Matratzen. Sie fuhren am vierten Tag einigermassen ausgeruht in Barken den Fluss hinauf bis Magagu (Macacu), einem grossen Marktflecken mit schöner Kirche und einem Kloster, das zu einem Spital umfunktioniert worden war, welches Kranke und Sterbende aufnahm. In diesem Kloster wurden die Kranken zurückgelassen, um hier ihre Gesundheit, so Gott es will, zu erwarten. Der deutscher Priester, von Liebe zu diesen Menschen in Elend gedrängt, blieb bei ihnen, um sie zu trösten oder beim Sterben am Krankenlager auszuharren und sie für die Reise in die Ewigkeit gut vorzubereiten. Die Gesunden reisten weiter, auf der roten Spur des Pfades, der durch Tropenwald und Flussbette führte. Sklaven trugen die kleinen Kinder auf dem Rücken. Mit Ochsenkarren, 30 Wagen mit je sechs Ochsen bespannt, zogen die Auswanderer ihrem Ziel entgegen. Die Weiber und die grösseren Kinder sassen in Schubkarren, die Männer gingen zu Fuss voraus. Die Ochsen wurden von „Schwarzen" geführt. Mit dünnen mit spitzen Stangen stupften die schwarzen Karrer die Tiere langen, erbarmungslos, so dass die Tiere mit herausgestreckten Zungen laufen mussten. Wenn einer nicht mehr laufen konnte, wurde er ausgespannt und man liess ihn am Wege krepieren, für die Hunde der Bauern ein willkommener Frass. Mehr als 1000 m hohe Pässe galt es zu überwinden, bis sie eines Tages Häuser erblickten, die sich in der Mulde eines Bergtals aneinanderreihten: Nova Fribur- go! Endlich lag das Gelobte Land vor den Siedlern. Nach einer mühsamen Reise über Berge, Täler und Bäche, geplagt von Hunger und Durst erreichten sie nach Zwischenhalten auf verschiedenen Stationen am Nachmittag um 2 Uhr des 27. Dezember 1819 die schöne, nagelneue Stadt Neu-Freyburg. Anita Weibel-Knupp 247 Die Stadt Neu-Freyburg Die Stadt liegt in einem breiten und langen Tal. Als die Luzerner Einwanderer ankamen, gab es bereits um die 100 neue Häuser, jedes Haus hatte 4 Zimmer und war mit einem Ziegeldach versehen. 800 - 900 Siedler waren schon da, darunter die Freyburger, auch Pruntruter und Aargauer. Sie waren neun Tage vor den Luzernern eingetroffen. Die Einrichtung der Häuser, die Betten, Tische, Stühle und Bänke mussten sie selber herstellen. Der Berichterstatter erzählt in den folgenden Seiten von den Mühen und Sorgen der ersten Zeit mit denen sie zu kämpfen hatten, bis endlich nach einem Monat ihre Kisten und Koffern mit den Kleidern und Gerätschaften ankamen. Wenn das nur ihr einziges Elend gewesen wäre, so hätten sie noch zufrieden sein können. Aber ein Kolonist nach dem andern reiste in das Land der Ewigkeit (auch unser Vorfahre Josephus Antonius Leodegarius Knupp, geboren am 28.9.1766 in Grossdietwil, starb am 3. Juni 1820 in der Kolonie). Die plötzliche Veränderung des Klimas und die Hitze des Sommers (Dezember, Januar und Februar) machten ihnen zu schaffen. Durch den täglich herabströmenden Regen wurden die ohne Schotter angelegten Strassen abscheulich zugerichtet. Die Mauern und die Böden der neuen Häuser waren nicht ausgetrocknet und das Regenwasser fand keinen Abfluss. Dies alles führte dazu, dass Krankheiten entstanden. Sie rissen so heftig ein, dass von Anfang an fast der halbe Teil der Kolonisten krank darniederlagen und innerhalb von drei Monaten schon 100 Personen im kühlen Grab des neuen Kirchhofes ruhten. Das Ungeschickteste und Langwierigste war, dass erst gegen Mitte Mai 1820 das Land aufgeteilt wurde und sie fünf Monate Müssiggang treiben mussten. Jedes Haus, in welchem 16-20 Personen untergebracht waren und eine Familie bildeten, erhielt durch das Los eine Strecke Land, die eine Stunde lang und eine halbe breit war. Pro Kopf wurden somit 20 Jucharten Land verteilt; eine Juchart entspricht rund 33 Aren. Die Kolonisten arbeiteten wacker auf ihrem Lande, aber der gestreute Samen wollte nicht recht aufgehen. Denn zu ihrem Unglück hatten sie die Zeit des Säens und Pflanzens verfehlt. Weil die Gegend sehr hoch liegt, hätte man alles im Oktober oder Dezember anpflanzen müssen. Das vom König versprochene Vieh und Geld hatten sie auch nicht erhalten und es schien, als hätte man die Siedler ganz vergessen. Die Kleider waren zerfetzt und zerlumpt; man konnte weder neue kaufen noch selber nähen. In der Stadt Neu-Freyburg hatten die Einwanderer gute Gelegenheit, das Marktgeschehen zu beobachten. Die Bauern, die ihre Früchte verkaufen wollten, kamen in Begleitung ihrer vielen Sklaven. Sie mussten die beladenen Maultiere in die Stadt führen und die Ware dem Volk anbieten. Die Schweizer hatten von Anfang an anderes Geld als die brasilianischen Bauern. Einige Wörter verstanden sie und viele andere wieder nicht. Die Schwarzen mussten auf 248 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 die Ware aufpassen, verkaufen aber durften sie nicht. Man konnte nur etwas kaufen, wenn der Bauer kam. Die Schweizer lernten bald die portugiesische Sprache und das Geld kennen. Die meisten Siedler verliessen Neu-Freyburg und zogen nach Magagu, wo sie sich endgültig niederliessen. Der Anfang war schwer, aber mit der Zeit begann der Handel mit Zucker, Kaffee, Reis und Baumwolle zu gedeihen. Alles in allem gewinnt man aus dem umfangreichen Bericht von Anton Hecht aus dem Jahre 1822 die Überzeugung, dass es die Siedler anfänglich sehr schwer hatten. Es wurden ihnen ungeahnte Hindernisse in den Weg gelegt. Sie packten jedoch tatkräftig zu und waren gewillt durchzuhalten. - Eben Schweizer Pioniergeist! Zwischen dem 4. November 1819 und dem 8. Februar 1820 gingen die acht verschiedenen Schiffe in der Bucht von Rio de Janeiro vor Anker: Fur die Neuankömmlinge liefen die ersten Stunden stets nach dem gleichen Schema ab. Ihre erste Nacht in Brasilien verbrachten die Siedler noch auf dem Schiff und gingen erst am nächsten Tag an Land. Alle nahmen diese erschwerliche Reise auf sich, welche ins Gebirge durch den Tropenwald führte, bis sie endlich das „Gelobte Land" Nova Friburgo erreichten. *5?* - Abb. 11: DieAbreise derAuswanderermit dem Schiff: 12.7.1819 ab Luzern; 20.7.1819 ab Laufenburg; 23.7.1819 ab Basel; 10.10.1819 ab Den Heldeer mit dem Meerschiff; 15.12.1819 in Rio de Janeiro. Kolorierte Zeichnung: Universitätsbibliothek, Freiburg. Anita Weibel-Knupp 249 Die Familien Knupp von Grossdietwil zogen nach Nova Friburgo (Brasilien) Wir folgen nun den Spuren der beiden Knupp-Familien aus Grossdietwil, die 1819 nach Brasilien ausgewandert sind. Joseph Knupp, 53, verheiratet, Landarbeiter (Bemerkung: Körperliche Beschaffenheit; stark); zu seiner Familie gehören: Ehefrau Christina Maria, 40, Kinder: Maria, 15; Christian, 14; Elisabeth, 13; Joan Baptista, 11; Leoncius, 9; Josephus, 4; Anton, 12 Wochen, er starb auf dem Schiff am 26.11.1819. Der Familienvater Joseph ist ebenfalls am 3.6.1820 Gebrüder Knupp die Auswanderer nach Brasilien. Bild: Ahnenforschung: Anita Wei- bel-Knupp; Baum in Acryl: Nadia Weibe!; Satz und Gestaltung: Matthias Weibel. Stammbaum im Format 1,10m x 1,20m Abb. 12: Stammbaum Knupp mit den beiden Auswanderermarkiert 250 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 in der Kolonie in Nova Friburgo (an Diabetes) gestorben. Sein Bruder Joanes Baptista Knupp hat dann die sechs Flalbweisen grossgezogen. Er und seine Ehefrau Magdalena Knupp-Broch geborene Foster (2. Ehe) sind dann für die Erziehung und Kosten aufgekommen. Die Mutter und Witwe Christina Maria Gattina Knupp hat wieder geheiratet. Am 27. 11. 1820 wurde sie getraut mit Johann Streiby in Nova Friburgo. Vermutlich ist sie mit ihm nach Candagalo oder Maggau gezogen. Joanes Baptista Knupp, 50, verehelicht, Küfer, (Bemerkung: Körperliche Beschaffenheit; gesund, Deserteur (aus sardinischen Diensten), Gulden 933.33 sind eigenes Vermögen. Will seines Freundes Familie aushalten); Magdalena, 39, Ehefrau; Kinder: Josef, 15; Johann, 11; Maria, 7; Catharina, 5; Anna, 214; Johann Blasius 34 (Tafel 7a). Unser Vorfahre Joanes Baptista Knupp muss ein sehr zäher, hartnäckiger, pflichtbewusster, arbeitsamer und gutherziger Mensch gewesen sein. Er setzte sich nicht nur für seine Familie, sondern auch für seine Freunde ein. Er unterstütze sie in moralischer und finanzieller Hinsicht. Sein fachliches Können als gelernter Küfer und die landwirtschaftliche Erfahrung halfen ihm dabei. Nun zur Fleimat und Herkunft (Ursprung) der beiden Knupp-Brüdern, die von Grossdietwil nach Brasilien ausgewandert sind: Die beiden Brüder Joanes und Josephus Knupp, Söhne von Joanes Wilhel- mus Knupp und Ana Maria geborene Otzenberger, sind in Grossdietwil geboren. Mit ihren sieben weiteren Geschwistern durften sie im Oberdorf, Kosten- gässli, eine glückliche Jugendzeit erleben. In Grossdietwil haben sie ihre Schulzeit absolviert. Schon während dieser Zeit hat sich Joanes Baptista für den Beruf eines Küfers interessiert. Später zog es ihn in die Rolle des Söldners, er kehrte der Schweiz den Rücken und fand Gefallen an den „Napoleonischen Kriegen". Als Söldner und „Deserteur" verdiente er Geld, damit seine Ehefrau in der Schweiz das Wohnhaus mit angebauter Scheune, Kraut- und Baugarten, Babigässli 2, in Grossdietwil erwerben konnte. Für Josephus war die Liebe zu Tier und Natur so gross, dass es für ihn klar war; sein Beruf wird einmal Landwirt sein. Die Einwohner von Grossdietwil lebten vorwiegend von der Landwirtschaft. Die Bevölkerung nahm zu, die Bodenfläche blieb konstant. Der schlechtgedüngte Boden warf wenig ab, und die Bearbeitung war mühselig (Allmendland). Zu allem verzeichnete unser Land im Jahre 1816 eine Missernte. Grund war die Klimaverschlechterung wegen des Ausbruchs des Vulkans Tambora am 5. April 1815. So schrieb der „Schweizer Bote" am 28.3.1817: „Es steht Hungersnoth bevor!.... Ich muss reden. Ich muss betteln für die magern Gestalten der Elenden, für die blassen Gesichter, die mir auf Wegen und Stegen begegnen und sprechen: Ich habe heute noch nicht ge¬ Anita Weibel-Knupp 251 gessen." Daraus erklärt sich leicht, dass entschlossene Leute, wie unsere beiden Vorfahren, die Gebrüder Knupp ihre Siebensachen packten und anderswo das Glück suchten. [panes Baptista Knup. «Küfer» verheiratet mit der Witwe Magdalena Broch geborene Foster geboren 303-1769. Grossdietwil geboren l 9 1778 gestorben 29.7.1853, Nova Fnburgo gest. 2.1.1826, Nova Friburgo ^ / 0$cnStn.ßjLL tfÄ/SW* O&nfafM. Auac&T Josephus Antonius Leodegarius Knup. verheiratet Christina Maria Gattina »Landarbeiter» Landwirt geboren 13-31779, Grossdietwil geboren 189 1766 in Grossdietwil gestorben 3-6 1820 in Nova Fribuigo irlr&On«*. Jfay> / w ' (X7la. /Raum. ö$V7t6e*g* dLjoJha. JTBCMM Die beiden Familien sind 1819 nach Brasilien ausgewandert'! Söhne von1 [oanes Wilhelmus Knup. und Ana Maria geborene Otzenberger von Grossdietwil Abb. 13: Auszug aus den Kirchenbüchern Grossdietwil Abb. 14: Foto Grossdietwil um 1860. 1: Geburtshaus vonloanes undJosephus Knupp. 2: Wohnhaus undScheune von Joanes und Magdalena Knupp. 3: Schlössli, mein Elternhaus 252 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Geschwister(Tafel 6) derAuswandererjoanesundJosephusKmip YvoWilhclmu» lotgciburt610175$ inOD "to M.,r,.i Ana Knup ^1» 2411756 m CD dL~« WilhelmiksKnup geb 244 1759in GD gest 254 1759m OD L,**-itfuc. .£.f - X/U~ - dU~t Josephus/Blasius Knup geb 31 8 1757 in Gl)(H.mptst.imm/siehe lafel6, Seite 166) y\S ** Wilhclmus losephus Knup geb 194 1760 in Gl) Jy ^ « <SA*/,/. Anna Maria Agatha Kunianowa Knup. geb 169 1762 in GD (steheSeite Anna Maria AgathaKnup geb 146 1765 CL-nix</a<*x*a. ^ f a S ua t S * U * ** . *. -«*, a A ^ A jK rr» r f fu-*# ^ . •xÄLye* Ana Maria Plisabetha Knup geb 12 10 1772 in Gl) j/'/. "77fr ^ fllanxo. J&xitA. yfiJjkfhtuss Jrsej&Xf Xkaxßtccb£*4l*g Maua fosepha Jacoba Knup geb 142 1774 in (7|) Abb. 15: Auszug aus den Kirchenbuchern Grossdietwil Das liest sich so leicht; man muss sich aber vorstellen, was das heisst, wenn Familien aus ihrem vertrauten Kreis wegziehen, Verwandte, Freunde und Bekannte verlassen, die sehr beschwerliche Reise auf sich nehmen und in ein fremdes Land ziehen, von dem sie weniger wissen als heute jeder Jugendliche weiss. Eisenbahnen gab es damals noch nicht und Dampfschiffe waren noch selten; die Überfahrt auf dem Atlantik mit dem Segelschiff dauerte lang und war sehr beschwerlich. An eine Rückkehr war nicht zu denken, denn mit der Auswanderung war der Verlust des Bürgerrechts verbunden. Eine harte Bedingung, die den Auswanderern mit Nachdruck mitgeteilt wurde. Wer verzichtete gerne aufsein Bürgerrecht? Auf der Gemeinderechnung von Grossdietwil im Jahre 1819, unter den Ausgaben des Gemeindeammanns Josef Bucher (Rechnungssteiler) ist zu lesen, dass den nach Prassillien ausgewanderten Jos. und Joanes Knupp 1582.17 Gulden ausbezahlt wurden. Weiter wurde noch ein Beitrag von 40 Gulden an die Reisekosten geleistet. Man einigte sich, den Betrag von 40 Gulden unter der Rubrik „Armenwesen" in den Ausgaben aufzuführen, die Ausgaben waren deshalb auch höher als sonst. Sie wurden mit 1826 Gulden angegeben. Den grössten Anteil beanspruchte aber die Unterstützung für hilfsbedürftige Personen, Lehr- und Pflegelohne, Hauszinsen, aber auch Bei- Anita Weibel-Knupp 253 trage an uneheliche Kinder wurden unter dieser Rubrik aufgeführt Als Rechnungsteller zeichneten weiter Waisenvogt Vonmoos und Verwalter Johan Ambuhl. Somit haben unsere beiden Vorfahren 1622.17 Gulden aus der Ge- meindekasse erhalten. Es war zu jener Zeit üblich, dass Burger Beitrage erhielten, wenn sie auswanderten und auf das Burgerrecht verzichten mussten. Ähnliche Zahlungen wurden aus der Korporationskasse geleistet. Die Auswanderungen waren ein Thema der Korporationsversammlungen. Im Verzeichnis der Ausgewanderten aus dem Kanton Luzern nach Brasilien, im Jahre 1819, wurden die beiden Familien Knupp mit Namen und Alter vermerkt. Vorbereitung der Auswanderung Die Kolonisten erhielten von der portugiesischen Krone über die kantonale Regierung Weisungen fur die Auswanderung. Wer in Brasilien einwandern wolle, müsse neben Pass und Ausreisebewilligung über ein Leumundszeugnis des Ortspfarrers oder einer zivilen Stelle verfugen. Im Übrigen werde Portugal bei der Uberfahrt auf dem Meer sehr behilflich sein. Sie hatten sich in Basel einzufinden, wurden dann mit dem Schiff ans Meer gebracht, wo sie auf einem Segelschiff die Uberfahrt antreten konnten. In Brasilien hatten sie vorerst keine Steuern zu bezahlen, lediglich der Grundstuckhandel wurde mit 5 Prozent Abgaben belastet. In Brasilien stunde ihnen der portugiesische Grosskanzler fur alle Auskünfte zur Verfugung, teilte man ihnen beruhigend mit. Gepäck Der Kanton Luzern stellte den Auswanderern eine Liste zu, worin das Gepäck umschrieben wurde. Alle Gegenstande mussten wohiverpackt in Kisten oder Ballen sein. Die Gepackstucke durften höchstens 1,5 m lang, 45 cm hoch und 40 cm breit sein, und gewichtsmassig sollten 100 kg pro Person nicht uberschritten werden Was zur Mitnahme empfohlen wurde: Hinlängliche Kleidung, mehrere Hemden und anderes Leinenzeug, Bettdecken, Leintucher, Hangematten nach Verhältnis und Umstanden, Kochkessel, Löffel, Gabel, Messer, Lampen, Kerzenstocke, Schaufeln, Karsten, Hauen, Axte, Wald- und Handsagen, Sensen, Sicheln, eine Handmuhlefurjede Familie, vollständiges Werkgeschirr fur jeden Handwerker, Reisepass und Wohlverhaltens-Zeugnis, Kaputt von gutem Landtuch, Pfannen, Schaumkellen und anders Kuchengeschirr, Flinten, Säbel und Weidmesser, Matratzen, Kissen, Tischtucher, Krautmesser, Giesskannen, Rebenmesser, latthauen, Wetzsteine, Bohrer, Hecheln und dergleichen, furjede Familie einen Regenschirm, verschiedeneArten Gartensamen, welche in Flaschen eingeschlossen und mit Pech vermacht sind Man machte sie auf den Weihwasserkessel, die Kerzenleuchter und Kreuze sowie Gebetsbucher aufmerksam. Im Weiteren wurde auf das Geld hingewiesen Auf dem Rhein sei 254 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 pro Person mit 4/5 bis 1 Gulden, Pass- und Visa-Kosten zu rechnen. Die Fahrt von Luzern nach Holland werde für den Erwachsenen auf 16 Gulden zu stehen kommen. Am 11. Juli 1819 hätten sich die Familien in Luzern einzufinden. Von dort aus ginge es gemeinsam nach Basel. „Gute Schiffsleute" brächten dann die Auswanderer von Basel nach Holland. Diese Schiffe würden etwelchen Komfort aufweisen, denn sie hätten ein Verdeck und „Personen und Waren seien von der Witterung" geschützt. Die Ausgaben für Verköstigung werde bis zur Ankunft am Meer für jede Familie mit 1-2 Louis d'or angegeben (ein Louis d'Or 6,9 g Gold). Jeder Familie wurde empfohlen, noch etwa 100 bis 200 Gulden Bargeld mitzunehmen. Die Behörden rechneten, dass die Überfahrt ca. 40 Tage dauern würde. Zur Beruhigung der Passagiere teilten sie ihnen mit: „Die Schiffe führen Lebensmittel fur 4 Monate mit". Über den genauen Verlauf der Fahrt unserer Ahnen wissen wir Folgendes: Bekannt ist uns, dass von den ungefähr 2000 ausgewanderten Siedlern allein auf dem Meer 311 starben (389 Personen auf der ganzen Reise). Unter ihnen befand sich der damals halbjährige Anton Knupp, Sohn von Jo- sephus Antonius und Christina Maria Knupp. Er starb am 26. November 1819. Für unsere Vorfahren war dies wohl ein schreckliches Ereignis und eine harte Prüfung. Ausserordentlich stark muss ihre Trauer gewesen sein, als sie ihr geliebtes Kind auf dem Meer zurücklassen mussten. Dieses Schicksal hat die Familie wohl auf ihrem weiteren Lebensweg stets begleitet. Das war keine Ferienreise! Gleichheit mit unseren Vorfahren, clen Knupp-Familien wanderten die nachgenannten Familien nach Brasilien aus Alberswtl Stutz Kaspar mit Ehefrau Clara und einem KindJean 5 fahre Altishofen Franz Hunkelei, Schreiner (Jungling von 22Jahren) Fischbach Marfurt Melchior nut Ehefrau Louise und 3 Kindern und mit seinem Brudei Marfurt Xaver(25Jahre) Gettnau Hödel Toset mit Ehefrau und 7 Kindern Giosswangen HuberJosefnut Ehefrau Marianne u 7 Kindern (3 Kinderstarben aufdem Schiff) Jung Melchior (ist auf dem Schiff gestorben) mit Ehetrau Luterbach fohann mit Ehefrau Barbara und 5 Kindern Menznau Hunkelei Adam mit Ehefrau Anna-Marie und 5 Kindern (1 Kind starb aufdem Schiff) MeyerJoset mit EhefrauJosette und 3 Kinclein Schotz ButtlerJosef mit Ehefrau Rosa und 5 Kindern Wikon LackJosef mit 2 Kindern Wilhsau-Land Waterwald Anton (starb in Holland) mit Ehefrau und 5 Kindern Willisau-Staclt Josef Hecht mit 2 Söhnen, (er kehrte 1822 in die Schweiz zunick) JostJohann. Arzt (schrieb 1825 an den Regierungsrat v Luzein einen Brief) mit Ehefrau Magdalena, den 6 Kindern Supiger Bernhard, Maurer, mit Ehefrau Therese und 5 Kindern Wermelinger Xaver, Drechsler, mit Ehetrau Katharina u 6 Kindern (1 Kind starb auf dem Schiff) Abb. 16: Gleichzeitig mit den Knupp-Familien ausgewanderte Familien nach Brasilien Anita Weibel-Knupp 255 Josephus Antonius Leodegarus Knup. verheiratet mit Christina Maria Gattina Ihre Kinder: ^ Jßytd Joseph Anton Knup geh am 94 1819 in GO, gest. am 26 11 1819 auf dem Schiff 4 (t(StfiAd $ty{zz nttjut. 3^ete/-Jet Joseph Leontius Knup geh am 169.1815 in GD j. <6C\Ld*S - s%ge4fjktzp& %/m/jk fftjfatfl* Jose 1 ph Leontius Knup 1 g*eb 8 11 1810 m GD fy«*k/*s?; ^ AO*. S JtHfi/U/ZdaS Joan Babtista Aloisius Knup geb 266 1808 in GD t/cvtUt $&£ Elisabeth Knup geb 246 1806 in GD Joseph Christian Knup geb 11 3 1805 in GD Anna Maria Knup geb 5 5 1804 in GI9 Abb. 17:Auszug aus den Kirchenbüchern Grossdietwil Von Dr. Jost erhielt ich eine kleine Beschreibung (1825) über die Existenz und das allfällige Befinden der Luzerner Auswanderer. Die Gebrüder Knupp: Johan Knupp bewohnte mit seiner Familie das Kolonie-Land Nr.82 in Nova Friburgo und weiteres Land in Cantagalo. Die beiden Brüder zogen die Los- Nummer 82, 17 x 20 Jucharten Land und kauften sich noch 100 Jucharten-Land dazu. Mit 440 Jucharten-Land (144 ha) kamen sie mit 17 Personen zu einem eigenen Flaus. Ihnen ging es in finanzieller und gesundheitlicher Hinsicht bestens mit Ausnahme von Josephus, der 1820 in der Kolonie verstorben ist. Vermutlich sind also auch die Knupp nach Cantagalo gezogen, um Kaffeeplantagen zu bewirtschaften. Der Kaffee wurde in Rio verkauft, einige der Auswanderer hatten damit Erfolg, und dies führte ca. 1850 zum Reichtum. Die Knupp's Nachbarn seien Huber Josef von Grosswangen, Witwer mit 4 oder 5 Kindern. Er verkaufe und handle mit Pflanzen. Es ging ihm finanziell und gesundheitlich bestens. Die Marfurt aus Fischbach hätten das Kolonie-Land Nr. 32 bewohnt. Es ginge ihnen jedoch finanziell sehr schlecht. Sie wurden von Johan Knupp in jeder Hinsicht unterstützt. Wermelinger Xaver, von Willisau „Trexler" mit Frau und 7 oder 8 Kindern „nur simple" hätten das Kolonie-Land Nr. 61 bewohnt und zogen nach Macahe „Kaffeeplantage"". 256 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Abb. 18: Die SchweizerKolonie Neu-Freyburg, Nova um 1825 - Zeichnung: J.B. Debret, Paris, Bibliotheque Sainte-Genevieve Die Knupp, Bron, Herde, Marfurt, Tardin, Wehrli, Wermelinger, Werner auf hoher See unterwegs und ihre Verbindungen Tafel 7a Von Jorge Knupp aus Brasilien habe ich folgende Hinweise erhalten: Ana Maria Knupp, geboren am 1.3.1812 in Grossdietwil, Tochter von Joanes und Magdalena Knupp, hat am 20.6.1839 Josef Marfurt in Nova Friburgo geheiratet. Josef Marfurt ist ebenfalls 1819 als dreijähriges Kleinkind mit seinen Eltern Melchior und Louisa Marfurt und den zwei Geschwistern ausgewandert. Anna ist am 5.10.1819 auf dem Schiff verstorben. Anna Marias Bruder Josef Knupp, geboren am 1.12. 1804 in Grossdietwil, hat sich am 8.8. 1831 mit Johanna Herde verheiratet. Nach und nach wurde die Familie grösser, und zwölf Kinder wurden in Nova Friburgo geboren. Johanna Herde ist um 1813 in Herznach im Kt. Aargau geboren. Ihre Eltern Lorenz und Viktoria Herde sind mit ihren acht Kindern ebenfalls 1819 nach Brasilien ausgewandert. Sie waren auf dem Schiff „Elisabeth Marie" vom 10.10.1819 bis 6.12.1819. Auf dem Schiff haben sie zwei Kinder verloren. Peter wurde am 8.11.1819 und Philippe am 18.11.1819 im Meer versenkt. Es war ein schwerer Schicksalsschlag für die Familie, als die beiden Kinder so kurz nacheinander verstarben. Am 18. Oktober 1819 kreuzte die „Elisabeth-Marie" das Schiff „Heureux-Voyage" (am 10.10. 1819 in See gestochen) das ebenfalls künftige Siedler nach Brasilien brachte, darunter unsere Vorfahren, die Knupp. Die beiden Kapitäne tauschten Nachrichten aus. Da Anita Weibel-Knupp 257 musste vermutlich der 15-jährige Josef Knupp die sechsjährige Johanna von weitem gesehen haben. Ob sie miteinander Worte ausgetauscht oder nur zu- gezwinkt haben, ist nicht bekannt. Catharina Knupp (Schwester von Josef), geboren am 4.4.1814 in Grossdiet- wil, hat sich am 2.10.1854 mit einem Antonio Zehnder in Nova Friburgo vermählt. Seine Eltern müssen wohl aus Birmenstorf (Kt. Aargau) nach Brasilien ebenfalls mit dem Schiff „Elisabeth Marie" ausgewandert sein, und Antonio wurde danach geboren. Johann, geboren am 24.10.1808 in Grossdietwil, ebenfalls ein Sohn von Jo- anes und Magdalena Knupp hat am 5.8.1833 einer Catharina Kilther in Nova Friburgo das Jawort gegeben (Obereltern von unserem Ahnenforscher Jorge Knupp Cerqueira). Johann Knupp hat das Schweizer Bürgerrecht behalten. Jose Knupp war der Sohn von Johann jun., er hat in Nova Friburgo eine Brasilianerin geheiratet. Sehen wir uns aber die Tafel 7a etwas näher an, so müssen wir annehmen dass die Nachkommen der Auswandererfamilie, Joanes u. Magdalena Knupp sowie Xaver Wermelinger, von Beruf Drechsler aus Willisau, in Kontakt blieben. Die Patenschaft der beiden Enkelkinder Luiz Felippe und Antonio Guilherne (Grosseltern Joanes und Magdalena Knupp) haben jeweils die Wermelinger und Flerde übernommen. Walter Wermelinger der seit ca. 20 Jahren mit seiner Frau in Brasilien lebt sowie der vorgängig erwähnte Alberto Lima Abib Werme- longer aus Brasilien, sind ebenfalls aus dem gleichen Familienstamm. Ebenfalls aufgefallen ist mir, dass der Bruder der erwähnten Enkelkinder von Joanes und Magdalen Knupp, Joäo Christino Knupp, geboren am 25.10. 1832 in Nova Friburgo eine Margarida Knupp geheiratet hat. Hier finden wir nochmals dieselbe verwandtschaftliche Verbindung wie bei meinen Eltern Anton und Marie Knupp-Knupp, auch sie waren Cousin/e 2. Grades. Jose Januario Knupp, geboren am 19.9.1845 in Nova Friburgo, Sohn von Johann Knupp, geboren am 24.10.1808 in Grossdietwil, hat Maria Rosalina Tardin geheiratet. Ihre Vorfahren kamen aus der Westschweiz, ihre Grosseltern sind 1819 nach Brasilien ausgewandert. Sie waren auf dem Schiff „Urania". Die Knupp und Tardin haben sich später (1963) nochmals verehelicht. Die dramatische Fahrt der „Urania": Am 12. September 1819 in See gestochen unter dem Kommando des Kapitäns Boch, kam am 30. November in Rio an. Während der Überfahrt starben 107 der 437 an Bord gegangenen Siedler. Am 13. September: Die Freiburger wurden von der Seekrankheit überrascht. Auf offener See setzten die Schlinger- und Stampfbewegungen des Schiffes den Landratten zu, die glaubten, ihr letztes Stündchen habe geschlagen. Die Matrosen versuchten ihnen zu erklären, dass die Seekrankheit nicht tödlich sei. So ungefähr müssten die Knupp die Seekrankheit auf dem Schiff „Heureux- 258 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Voyage" auch erlebt haben. Am selben Tag starb Francois Butty auf dem Schiff „Urania", nachdem er die Letzte Ölung erhalten hatte. Die Matrosen brachten den Leichnam an Deck, wickelten ihn in ein Leintuch und befestigten einen Sandsack an den Fussen. In weissem Chorhemd und mit schwarzer Stola las Pfarrer Joye die Totenmesse. Auf Befehl des Kapitans wurde der Leichnam wie üblich ins Meer versenkt. Die Siedler waren jeweils sehr aufgewühlt und beteten zur Muttergottes. Am 5. Nov. kam der Sohn des verstorbenen F. Butty zur Welt. Zu Ehren des Kapitans erhielt er den Namen Frederic. Der 24. September war ein schlimmer Tag, allein am Nachmittag mussten sieben Leichen dem Meer ubergeben werden. Am 17. Okt. 1819 harpunierten die Matrosen der „Urania" einen Hai, der an Bord „gehisst" wurde. „Zuerst schnitt man ihm das Ende des Schwanzes ab, dann öffnete man seinen Bauch Welche Überraschung, in seinen Eingeweiden fand man ein kleines Kind, Kopf und ein Teil des Korpers waren unversehrt, mit Ausnahme eines Arms. So konnte ich noch einige Geschichten erzählen von den Erlebnissen der Siedler auf den Schiffen. Tafel 7 b Joseph Christian Knupp, geboren am 11.3.1805 in Grossdietwil (Sohn von Josephus Knupp), hat am 26.9.1831 in Nova Friburgo seine Geliebte, Maria Thereza Bron, geheiratet. Sie hat ihrem Ehemann Christian elf Kinder geschenkt. Maria Theresa war etwa vier Jahre alt, als ihre Eltern Jean-Baptiste und Maria Bron aus Saxon (Wallis) sowie ihre sechs Geschwister 1819 nach Brasilien auswanderten. Beide Familien befanden sich auf dem Schiff „Heureux Voyage" Hier haben sich wohl die beiden Kinder Christian Knupp und Thereza Bron beim Spielen getroffen. Zu dieser Zeit ahnten sie kaum, dass aus dieser Kinderfreundschaft einmal eine Ehe entstehen wurde Tafel c Joan Knupp, geboren am 26.6 1808 in Grossdietwil (Bruder von Christian), hat sich am 8.7.1839 in Nova Friburgo mit Margarida Wehrli vermahlt. Ihre Eltern lebten in Grindel (SO) und sind 1819 mit ihren Kindern ausgewandert (ebenfalls mit dem Schiff „HEUREUX VOYAGE"). Margarida muss dann wohl in Brasilien geboren sein. Joan Knupp und Margarida geborene Wehrli hatten zusammen acht Kinder. Joseph Knupp wurde am 16.9.1815 in Grossdietwil geboren. Er war erst vier Jahre alt, als er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Brasilien auswanderte Auch eine Familie Jean und Susanne Werner aus Corgemont (Jura) ist mit ihren vier Kindern nach Brasilien ausgewandert. Ihnen wurde das Schiff „Debby Elisa" zugeteilt Am 12. September 1819 in See gestochen, ging das Schiff am 26. November 1819 in der Bucht vor Rio vor Anker. Wahrend der Uberfahrt Anita Weibel-Knupp 259 starben auf dem Schiff zwei Kinder von ihnen, die man am 29.9.1819 dem Meer übergeben hat. Nun hatten sie nur noch Jean-Johann (4. J.) und Elisabeth (6 J.). Aus der Freundschaft zwischen Elisabeth und Joseph Knupp wurde Liebe und daraus folgte der Eheschluss. Gross war die Freude als am 24.5.1840 der Stammhalter auf die Welt kam. Es folgten elf weitere Kinder Nun zu den Schiffen „Deux Catherina" und „Camillus". Das Schiff „Deux Catherina" stach am 12. September 1819 in See. Von den 357 Passagieren starben 77. Am 7.12. 1819 erlebten die Siedler auf dem Schiff einen Sturm. Das Schiff kam vom Kurs ab und bewegte sich im Kreis. Am 4. Nov. 1819 ging die „Deux Catherina" in der Bucht von Rio vor Anker. Vom Schiff „Camillus" wissen wir, dass es am 10.10.1819 in See gestochen war. Kurz vor England wurden sie von „Sandbank" festgehalten. Das Schiff schlug leck und musste repariert werden. Am 16.12.1819 ging die Fahrt wieder weiter, und sie kamen endlich am 8. Febr. 1820 in Rio an. Name inSeegestochen in Rioan Ortschaften Passagiere Tote Kapitan Daphine 11 Sept 1819 4 Nov1819 Fribourg 197 31 Koller Urania 12 Sept1819 30 Nov1819 Fribourg 437 107 Boch Deux Catherine 12 Sept1819 4 Nov1819 Fribourg/Bern 357 77 Rot Debby Elisa 12 Sept1819 26 Nov 1819 Jura 233 25 Sprangel Heureux-Voyage 10 Okt.1819 17.Dez 1819 Luzern,Wallis 442 43 Van DerCerer Schwyz,Solo- thurn Elisabeth-Marie 10 Okt 1819 6 Dez 1819 Vadt 228 19 Strugh Camillus 10 Okt 1819 8 Febrl820 Trajan anfangs Oktober Jura, Solo- 119 9 Trippense thurn 1819 mit der Fracht/ Koffern Tab. 3: Die achtSchiffe Unsere Vorfahren verfügten über Sklaven. Es durften sich nie mehr als drei Sklaven zusammen unterhalten, damit sich kein „Komplott" ergab. Die Behandlung der Sklaven empörte sie. 1888 wurde die Sklaverei abgeschafft. Allmählich machten sich die Siedler mit ihrer neuen Fieimat vertraut. Sie lernten die Namen und die Eigenschaften der Flora und Fauna kennen und versuchten nachts, die unbekannten Sternbilder zu identifizieren. Das Kreuz des Südens war ihr Glückszeichen. Im März traf Miranda, der Inspektor, die ersten Massnahmen um Diebstähle zu unterbinden, die Jagd zu regeln und die Flygiene zu fördern. In Absprache 260 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 mit dem Arzt Bazet und Pfarrer Joye teilte er den Siedlern ihre ersten Unterkünfte zu und organisierte die Post; der erste Briefträger hiess Claude Friaux. Der Franzose Quevremont wurde zum Polizeikommandanten ernannt. Die Stadt wurde in fünf Bezirke unterteilt, denen je ein Aufseher vorstand. Vor allem lag den brasilianischen Behörden daran, die Einwanderer in ihr neues Fleimatland zu integrieren. Sie waren nun Brasilianer und Untertanen eines katholischen Königs. Am 17. April 1820 feierte die Kolonie die Wahl des ersten Gemeinderates und den gemeinsamen Anfang in Nova Friburgo, da inzwischen alle Schweizer Auswanderer angekommen waren. Einige Protestanten traten zum katholischen Glauben über. Am 23. Juni ging das Namensfest des Schutzpatrons mit einem Turnier zu Ende. Die Schweizer hefteten sich ein Bildnis König Joäos VI. an den Flut. Am 6. August segnete Joye die königliche Fahne und setzte den Grundstein für die Pyramide auf dem nach Joäo VI genannten Platz. Miranda hegte ehrgeizige Pläne für seine Stadt. Wäre es nach seinem Willen gegangen, hätte Nova Friburgo rasch eine Schule, ein Museum, ein Spital und eine Bibliothek erhalten. Doch der Aufschwung Neu-Freiburgs hing ZA^Ti ^ - 7 /w-ULA- P*-- ^ e2s*-*s - Co / C<TZ*^SA Z~ J»''' 6Z Jt ct^A^tViZiFZ* ' /1/viZt J. cr-i^ P* ZZZZZZ CJi cZtUL-S jZ-T ryZZ? CAn^UL^sZ*^ ^2AAFZZ.' A ZZiZ-^^-Z Stt* / Z ' f2L- ^y44-S Zt J Z'.>-2.y*<_.*,< fT, Z*—- * ./'''f;.'*--c/f r- Abb. 19: Briefdes PfarrersJoye an den Bischofvon Freiburg 9.10.1821 Anita Weibel-Knupp 261 Abb. 20: Erste evangelische- lutherische Kirche, 1824, als die deutschen Auswanderer am 24. Mai in Nova Friburgo ankamen weniger von den Träumen des Inspektors als vom Arbeitseifer und von der Beharrlichkeit der Siedler ab. Vom März 1822 ist uns ebenfalls ein Bericht der „Schweizer Gesellschaft zu Rio Janeiro" erhalten geblieben, der uns Einblick in das Leben der Kolonisten gewährt. Der Bericht stammt von den beiden Kommissären der Hilfsgesellschaft für schweizerische Witwen und Waisen. Sie besuchten die Siedlung Neufreiburg und konnten mit behördlicher Bewilligung Einblick in das Leben der Schweizer nehmen. Vor dem Betreten der Schweizer Siedlung hatte man die Besucher von einem „ausserordentlichen Elend" gewarnt. Sie wurden jedoch angenehm überrascht, dass es den Siedlern gar nicht so schlecht ging. Die Beobachter glaubten, dass sich die Lage stets verbessern werde. Am Anfang sei die Verwaltung sehr schlecht gewesen. (Die Verwaltung bestand aus Nicht- schweizern). Leider waren die Einwanderer zuerst zur Untätigkeit verurteilt, weil man ihnen keinen festen Boden zugeteilt hatte. Sie hatten nicht einmal kleine Gärtchen erhalten und wurden dazu gezwungen, Strassen zu bauen, mit denen die einzelnen Parzellen erschlossen wurden. Als der neue Kommissar dies gesehen hatte, habe er sich entschlossen, die Kolonie zu übernehmen. Die Neubesetzung solle für die Schweizer eine neue Hoffnung sein. Die Kolonisten hielten sich im Distrikt von Canto Gallo bis Rio De Janeiro auf. Die Zahl der Siedler, ursprünglich mit 1500 angegeben, sank auf 1300. Darunter soll es überdurchschnittlich viele Waisen gegeben haben. 24 seien bei Brasilianern untergebracht worden, die restlichen bei Schweizern. Die Kommissäre, welche die Kolonie bereisten, wurden von einem Pfarrer und einem Arzt begleitet, welche die Arbeitsamkeit und den Fleiss des Müllermeisters Vuichard gelobt 262 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 hatten. Er habe die königliche Muhle gepachtet und musterhaft betrieben, weiter habe er auch erfolgreiche Versuche mit Luzerne und Hanf gemacht. Auch das Gemüse sei vortrefflich gediehen. Die „Hirs- und Turkischen-Korn- Pflanzungen" seien ebenfalls erfolgreich gewesen (wiege doch der Ertrag das Zweihundertfache der Saat). Die Ertrage hatten meistens ausgereicht, um die notwendige Nahrung zu bestreiten Am meisten wurden Bohnen und Mais angebaut, welche auch den besten Erfolg brachten. Erfolgreich und ermutigend seien auch die Fortschritte im Wohnungsbau gewesen. Bald habe man an Stelle von Hutten, feste Hauser, Holzhauser gebaut. Die „Hutten" hatten kaum gegen den Regen, geschweige denn gegen die nächtliche Kalte geschützt. Bewunderung fand auch die Witwe Felicitas Mury, die mit ihren fünf Waisen musterhaft eine Bebauung an die Hand genommen habe. Reichlich gelobt, geschätzt und geehrt wurde auch der Pfarrer. Er habe eine Schule aufgezogen nach dem Helferprinzip- Jeder Schuler, der etwas gelernt hat, gibt sein Wissen weiter, der Schuler wird wieder zum Lehrer Lehrerpersonal und Lokal seien rar gewesen Man habe dann das Lokal in die Stadt verlegen wollen, was aber nicht gelang, vermutlich wegen des langen Schulweges. Auch der bescheidene Lehrerlohn von nur 2 Pfund Sterling 10 Schilling im Monat durfte nicht verlockend gewesen sein. Bewunderung erhielten auch die Bauern. Unter den Bauern habe es richtige „Tüftler" gegeben. So hatten sie jeden Monat europaische Fruchtkorner gesät, um so den besten Zeitpunkt fur den Anbau zu finden. Unter den Tüftlern sei ein Peclat auf Parzelle 17 gewesen, der sich auch als Zimmermann ausgewiesen hatte. Er habe die andern Siedlern darauf aufmerksam gemacht, die Hauser ausschliesslich aus Holz zu bauen, da es in den Urwaldern reichlich zur Verfugung stehe. Aber am meisten habe man die Schweine- und Rindviehzucht vermisst. Gute Ergebnisse zeigte auch der Tabakanbau. Die Siedler hatten nicht nur im Kampfe gegen die Harte der Natur bestanden Ein neuer Gegner war die Spekulanten. Ein Nathaniel Lukas habe sich im Grundstuckhandel mit den Siedlern gute Geschäfte erhofft. Die Regierung habe die Gefahr erkannt und sich auf die Seite der Siedler gestellt. Dem Spekulanten wurde also der Riegel geschoben. Recht beachtlich war auch die Entwicklung des Gewerbes, fand man doch nach zwei Jahren auf der Siedlung bereits 3 Mehlmuhlen, 3 Sagemühlen, 1 Ölmühle, 1 Blechschmiede und eine Gerberei Man hoffte auf eine zweite Gerberei. Pionierarbeit leistete auch ein Werner, welcher einen Brennofen baute. Grosse Beachtung fand eine Topferei, welche von Schweizern eingerichtet wurde Anita Weibel-Knupp 263 Abb. 21: Foto um 1930. Der Bahnhof„Ccmto-Gallo", später„Leopoldina Railway", wurde abgerissen. Er wurde nach der Prinzessin von Habsburg (Österreich), Frau von Dom Pedro de Orleans e Braganga benannt. Heute ist das Rathaus„Baraode Nova Friburgo" in der Hauptstrasse„Alberto Braune"in derStadt Nova Friburgo. Anita Weibel-Knupp wurde 1951 im „Schlössli" in Grossdietwil geboren. Sie stammt aus der Linie Knupp-Knupp, ist Bürgerin von Grossdietwil/Willisau/Ettiswil und ist in einem Geschäftshaushalt aufgewachsen. Anschliessend hat sie in der Stadt Luzern eine Diplom-Fachschule im medizinischen, kaufmännischen Bereich absolviert und danach in Arztpraxen gearbeitet; seit 1973 Mitinhaberin und Geschäftsführerin einer Druckerei. Sie ist mit Urs Weibel verheiratet; gemeinsam haben sie drei erwachsene Kinder und einen Enkel. Genealogin ist sie seit 1994; Mitglied der Zentralschweizerischen Gesellschaft für Familienforschung; der Association Fribourg-Nova Friburgo; der Heimatvereinigung Wiggertal und Vorstandsmitglied der SGFF, der Schweizerischen Gesellschaft für Familienforschung, wo sie den Schriftenverkauf unter sich hat. Veröffentlichung von verschiedenen Forschungsarbeiten (als Ahnenforscherin und dipl. Astrologin) sowie Autorin der Knupp-Chronik 1408-2004, begleitet mit einem Stammbaum. In der Freizeit widmet sie sich ihrem Flobby „Künstler- und Antikpuppen von 1820-1950, sowie Zithern" und schreibt leidenschaftlich gerne Gedichte. 264 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 Anhang Auswanderungsvertrag Der untenstehenden Auswanderungsvertrag, der am 11 Mai 1818 zwischen dem Konig von Brasilien und Sebastian Nicolas Gachet (Geschäftsführer der Regierung von Freiburg) in Rio-de-Janeiro ausgehandelt wurde, betraf die Bewilligung und Gründung einer Schweizerkolonie 1 Der Konig von Brasilien genehmigtdie Bedingungen des Kantons Freyburg zur Gründung einerSchweizerkolonie in Brasilien und ubernimmt die Reisekosten FureineZahl von 100 Familien, die aus Mannern, Weibern und Kindern bestehen sollen und die sich alle ohne Ausnahmezurkatholischen Religion bekennen 2 Sn Majestät wird ihnen die Reise von Rio Janeiro bis in den Bezirk Canto-Gallo, 24 Weg stunden von derHauptstadtentfernt, erleichtern undLebensmittelzukommen lassen 3 Bey ihrer Ankunft werden die Kolonisten provisorisch in Hausern wohnen, welche Sn Majestät befohlen hat zu errichten, bis die Schweizer ihre Städte und Dorfer werden erbauthaben 4 JederFamilie,je nach ihrerbestehenden Personenzahl, wird eine bestimmte Strecke ganz zinsfreye Landerey zum Anbau eigentümlich angewiesen und eingeräumt werden Sie wird auch Vieh, als Ochsen, Pferde oder Maulesel zum Ziehen, Kuhe, Schafe, Ziegen und Schweine erhalten Zum Pflanzen undAussäen werden ihr Getreide, Hülsenfrüchte, Bohnen, Reis, Erdapfel, Welschkorn (Mais) undSämereien von Mamonen zurHerstellung von Oel, sowie von Hanf und Flachs zugeteilt werden Nebstdem wirdjeder Familie noch wahrend den ersten 2 Jahren ihrerAnsiedlung nach dem folgenden Verzeichnis Lebensmittel, oderGeldstattdeselben, empfangen Zwei Beispiele Für eine Familie von 3-4 Personen 1 Ochse, 1 Maultier, 2 Milchkühe, 4 Schafe, 2 Ziegen, 2 Schweine, 1 Alqueire (1 Algueire 2,4 q ha) Getreide, 1 Alqueire Hülsenfrüchte, % Alqueire Bohnen, 2 Al- queires Reis, 1 Alqueire Erdapfel, 3 Alqueire Welschkorn, Vi Alqueire Mamonen- Oelsamen, 2/3 Hanf- und Flachssamen Für eine Familie von 8-10 Personen 3 Ochsen, 3 Maultiere, 4 Kuhe, 8 Schafe, 4 Ziegen, 4 Schweine, 2 Alqueires Getreide, 2 Alqueires Hülsenfrüchte, % Alqueire Bohnen, 4 Alqueires Reis, 3 Alqueires Erdapfel, 6 Alqueires Welschkorn, 1 1/4 Alqueires Mamon-Oelsamen, 2 Alqueires Hanf- und Flachssamen 5 Dass es Sr Majestät beliebt hat, jedem schweizerischen Kolonisten fur das erste Jahr seines Aufenthaltes in Brasilien aufjede Person täglich 160 Reis (20 derselben kleinen portugiesischen Münzen machen 2 Batzen und 3 % Rappen) und das zweiteJahr80 Reis Anita Weibel Knupp 265 zu bewilligen, so wird der Betrag der ihnen vorgestreckten Lebensmittel nach dem Ankaufspreise von den monatlichen Geldern abgezogen werden 6 Unter den Schweizerkolonisten, deren der Konig viele verlangt, soll die erforderliche An¬ zahl der nothwendigen Handwerker vorhanden seyn, als Zimmerleute, Schreiner, Schmiede, Schlosser, Maurer, sowie einige Muller, Schuster, Gerber, Schneider, Weber, Hanfer, Ziegelbrenner Diesen Handwerkern wird obliegen, diejenigen Portugiesen in die Lehrezunehmen, diesich daraufverlegen wollen 7 Die Kolonie wird sich in Europa mit einem guten Wundarzt, einem guten Apotheker, sowie miteinem Hufschmied versehen Jedem derselben wirdSeine Majestät eine Vergütung ertheilen 8 Zur Besorgung des Gottesdienstes sollsich die Kolonie auch mit 2 oder4 Geistlichen ver¬ sehen 9 Die Geistlichen werden dem hochwurdigen Bischof des Kirchensprengels untergeordnet seyn, zu dem sie gehören werden Nach ihrer Wurde werden sie die gleichen Einkünfte beziehen, wie die brasilianischen Pfarrer oder Pfarrgehulfen Nebstdem werden sie noch Landereyen zum Anbau erhalten, deren Nutzniessung ihnen zusteht, jedoch werden sie über dieselben nicht verfugen können, weil diese Landereyen das Eigenthum der Kirche bilden sollen Sie werden in Hausern wohnen, welche die Bevölkerungjeder Pfarrey erbauen wird 10 Die neue Kolonie wird den Anfang mit Gründung einerStadtmit2 Dorfern machen Jeder dieser Gemeinde werden Landereyen zum Anbau verliehen und eingeräumt werden, deren Ertrag in der Folge zur Bestreitung ihrer betreffenden Verwaltungsauslagen hinreichen wird 11 DieStadt wirdHauptort derKolonie und derMittelpunktihrer Verwaltung seyn Als Folge ihrer Gewohnheit hat Sn Majestät ihr den Namen Neu-Freyburg (Novo Friburgo) gegeben 12 Aus besondererGutefurSchweizer ubernimmtSn Majestät die Kostenfurdie Erbauung undAnschaffung derAusstattung derschon gebauten Pfarrkirche, die sie überhaupt mit allem Notigen versehen wird 13 Alle Schweizer, welche sich in Folge dieses Vertrages werden daselbst niederlassen wol¬ len, werden eben dadurch sogleich bey ihrerAnkunft als Portugiesen betrachtet und naturalisiert Sie werden in den Staaten Brasiliens den üblichen Gesetzen und Gebrauchen unterworfen seyn und ohneAusnahme allerden Unterthanen beyder Welttheile bewilligten undzu bewilligenden Vortheile und Vorrechte gemessen 14 In jeder Stadt und Ortschaft werden nach den portugiesischen Gesetzen Amtsbehorden furdie Verwaltung und Gerichtspflege aufgestellt werden 15 Bis zur Errichtung derzu bestellenden Munizipalität soll die Kolonie durch einen Direktor verwaltetwerden 16 Die Schweizer, die sich aufihre Kosten dieser Kolonie anschliessen, werden von persönli¬ chen undGrund-Abgaben allerArt10Jahrelangfreybleiben 17 Davon sind ausgenommen, die Abgaben aufdas Gold, welches die Schweizer gleich den alten Unterthanen seiner Majestät mit dem Fünftel bezahlen werden, sowie die Handlungsgegenstande, die in den königlichen Vertragen begriffen sind und die sie sich ausschliesslich vorbehalten,fur welche ein allgemeines die Portugiesen betreffenden Verbot besteht, dassich auch aufdieSchweizerausdehensoll 266 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819 18. Sobald die Kolonie 150 waffenfähige Manner von 18 bis40Jahren zahlen wird, sollsie in ihrem Innern, unter derAufsicht des Generals der Provinz, eine provisorische Wache bilden, der die Handhabung der guten Ordnung obliegen wird Nach dem Ablaufder dem Pflanzorte ertheilten Freyhelten, wird sich die Kolonie beeilen, eine Landmiliz, gleich den übrigen in ganz Brasilien, zu bilden und wirdso wie alle Provinzen zur Werbung der portugiesischen Weissen Korps beytragen vorzüglich aber der Schweizertruppen, wenn Sn Majestätsolche im Dienstehatte 19 In Vollziehung des obigen Artikels werden alle unverheirateten waffenfähigen Manner von 18bis 24Jahren, in einem zu bestimmendenZeitpunkt,jährlich das Losziehen undim Verhaltnisse eines Mannes auf20, ihr Kontingent zu den Lmien-Regimenten stossen Jedoch wirdderSchweizernichtmehrals4Jahredienen müssen 20. In derAbsicht, die begüterten Schweizer zu begünstigen, welche das Vorhaben hatten, nach Brasilien auszuwandern und daselbst betrachtliche Landwirtschaft usw. zu betreiben, wird Seine Majestät ihnen in der Kolonie Landereyen verleihen lassen und sie aller Vortheile und Vorrechte theilhaftig machen, diesie derKolonie gewahren wird 21. Endlich erklartderKonig, dass man unterderZahljenerSchweizer, die eraufseine Kosten kommen liess, sich einige befanden, welche nach ihrem Mutterlande zurückzukehren wünschen, er solches keineswegs verhindern wurde, doch werden solche wahrend den ersten 20jähren der Gründung der Kolonie nur über die Hälfte ihrer Habseligkeiten an liegenden und beweglichen Guternfrey verfugen können, indem die andere Hälfte ihrer betreffenden Gemeindezukommensoll, in derAbsicht, ihrEinkommen zu vermehren Dies genehmigen die in dem gegenwartigen Vertrag enthaltenen Bedingnisse und versprechen dieselbenpünktlich zu erfüllen. RioJaneiro, den Ilten May1818 Unterzeichnet' Seb Nie. Gachet, Geschäftsträger Sr Ex. des Herrn Schult- heissen und der Herren des Staatsrathes der Stadt und Republik Freyburg in der Schweiz. S.-B. Gachet, geb. 27.10.1770 in Paris, u.a. Privatsekretar des Königs Jochim I. von Neapel (Schwager von Kaiser Napoleon), Geschäftsmann, Fuhrer der Schweizer nach Brasilien. Er fiel in Brasilien wegen begangener Unregelmässigkeiten in Ungnade und verlor alle seine ausgehandelten finanziellen Vorteile und den ganzen Besitz. Quellen * Gemeindeverwaltung GD / Pfarramt GD / StALU * Bauerliche Betriebe GD (1930 bis 2002), * Bericht „Schweizer Gesellschaft zu Rio Janeiro" * Chronik Grossdietwil von J Bucher * Gemeinden aktuell Grossdietwil/Fischbach, WB Anita Weibel-Knupp 267 * StALU: AKT 212/30., AKT BF 52., AKT 24/60 A. * Chronik der Schweiz, Zentraibibliothek Luzern * Abenteuer der Schweizer in Nova Friburgo von Martin Nicoulin * Uma aventura em dois continentes 1819/1820 von Alberto Lima Abib * Josef Anton Hecht von Willisau, Bericht 1823 (ZB Luzern) von Eugen Meyer-Sidler, Willisau * Bericht von DrJost an den Regierungsrat Luzern - Lettre de J-B Joste du 31 De- zembre 1825 * August 1826 an Polizey-Rath 268 SchweizerAuswanderung nach Brasilien 1819
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article

Signatura / Referencia

Weibel-Knupp, Anita. 'Schweizer Auswanderung nach Brasilien 1819'. Familienforschung Schweiz / Généalogie suisse, Vol. 42 (2015). DOI: 10.5169/seals-697750. Focado na família Knupp; menciona Xavier Wermelinger de passagem na lista de famílias contemporâneas (linha ~1318). Fonte secundária legítima sobre a emigração de 1819.

Data do evento

2015

Idioma

🌐 Original da fonte

Status

raw

Registrado em

2026-04-18 13:50:14

Notas

[INGESTAO_CORPUS] Texto ingerido a partir de data/wermelinger_corpus/fsj-004_2015_42__346_d.txt em 2026-04-18 (migration 007). Catalogação inaugural do projeto de reconciliação catálogo↔corpus (débito 1.19). A obra é focada na família Knupp; a pesquisa futura precisa extrair especificamente as menções aos Wermelinger.

Como citar:

Arquivo Wermelinger, Documento #300, Schweizer Auswanderung nach Brasilien 1819 (Weibel-Knupp, 2015). Acesso em 28/04/2026.